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Mike Hoolihan bezeichnet sich nicht als attraktive Frau. Ihre bisherigen Liebhaber
haben sie grün und blau geprügelt und von Toby, ihrem derzeitigen
Freund, den sie als gutmütig bezeichnet, könnte man boshafterweise
auch behaupten, der ist einfach zu fett dazu. Der schaut sich lieber Videos
an. Als Kind wurde sie jahrelang von ihrem Vater vergewaltigt. Sie behauptet
zwar, dass sie ihren Vater immer noch liebt, aber sie meint wohl eher, dass
sie sich auch heute noch nach einem Vater sehnt, der diese Bezeichnung verdient.
Sie hat ihre Eltern seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen. Mit solchem Erfahrungen
kann es schon passieren, dass der Alkohol zum Tröster wird. In der Zeitspanne,
in der dieser Roman spielt, ist sie aber trocken. Sie glaubt, das habe sie Tom
Rockwell und seiner Familie zu verdanken, wo sie eine Woche lang mit Delirium
tremens wie eine Tochter behandelt und behütet wurde. Aber ob so eine Woche
heile Familie auf Dauer heilt, darf wohl bezweifelt werden.
In ihrem Beruf bekommt sie nur selten glückliche Familien wie die Rockwells
zu sehen. Andrerseits lässt die tägliche Erfahrung des Elends anderer
vielleicht das eigene Leben leichter ertragen, aber diesen Gedanken lässt
Mike nicht zu. Natürlich sollte man ihr schon glauben, dass sie unter ihrem
Beruf leidet, auch wenn sie versucht, sich abgebrüht zu geben und ihre
Gefühle mit einer trockenen bis zynischen Sprache zu verdrängen. Sie
macht den Beruf für ihren Alkoholismus verantwortlich, nicht ihre Kindheit
oder ihr Privatleben. Doch ihr Beruf bringt sie nicht nur ins Straucheln, er
bietet ihr auch Halt, den einzigen, den sie hat. Sie ist stolz auf ihre überdurchschnittlichen
Leistungen und vor allem: das wird auch anerkannt.
Jennifer Rockwell ist die Gegenfigur in diesem Roman. In einer heilen Familie
mit Liebe aufgewachsen, vom Schicksal mit Schönheit, Gesundheit und Intelligenz
verwöhnt, hat sie nach ihrem College-Abschluss nun eine aussichtsreiche
Position als Wissenschaftlerin inne. Seit 8 Jahren ist sie mit einem gutaussehenden
Liebhaber liiert, der sich partnerschaftlich verhält, der die gleichen
Interessen hat wie sie und mit dem sie sich in jeder Hinsicht, auch in sexueller,
so gut versteht, dass sie oft am liebsten miteinander alleine bleiben, statt
Zerstreuung zu suchen. Es gibt in Jennifers Wohnung noch nicht einmal einen
Fernseher, den man einschalten könnte, wenn man sich nichts zu sagen hat.
Jennifer lebt diszipliniert und gesund, braucht sich um nichts Sorgen zu machen
und kann ihr Leben ohne Einschränkungen frei bestimmen. Sie scheint noch
nie irgendeine Form von Leid erfahren zu haben.
So etwas kommt in der Realität natürlich nicht vor und deswegen wartet
man den ganzen Roman lang darauf, dass Mike endlich eine dunkle Stelle in Jennifers
Leben entdeckt. Mike Hoolihan ist hartnäckig, doch sie findet nichts. Man
kann Jennifer noch nicht einmal Egozentrik vorwerfen (wie man das Erfolgreichen
ja gerne unterstellt), denn sie kümmert sich auch um andere, die es nicht
so einfach haben wie sie. Die Sorgen der anderen scheinen die einzigen zu sein,
die sie hat.
Mike geht den Fall, obwohl persönlich berührt, unvoreingenommen an.
Die verkürzende Polizeisprache, in der sie ihre Ermittlung schildert, ist
brutal direkt und grob, natürlich um die nackte Realität zu zeigen,
ungeschönt und objektiv, allerdings auch nicht frei von der Lust, andere
damit zu schockieren. Doch eine Sprache, die Gefühle vereinfacht und abwehrt,
mag zwar vor falscher Sentimentalität schützen, aber sie ist eben
auch grob, im wörtlichen Sinne also ungenau. Die Verwendung von Statistiken,
die Klassifizierung von Einzelfällen, das Immer-gleich-auf-den-Punkt-bringen
von vertrackten Verhältnissen, das ist natürlich effektiv, weil man
mit diesem Hintergrundwissen gleich beim Wahrscheinlichen anfangen kann, ohne
sich beim Unwahrscheinlichen aufzuhalten, aber einem Individuum wird man auf
diese Weise nicht gerecht. Systematisch sucht Mike nach möglichen Unheilbringern:
Konflikten, Drogen, Krankheiten, Misserfolge. Wie in einem klassischen Krimi
ist der Detektiv dem Leser immer einen Schritt voraus, so dass der Leser zu
der Überzeugung gelangt, der Detektiv sei kompetent.
Fraglos ist Mike ein guter Polizist. Für ihre Verhörmethoden hat sie
schon viel Lob bekommen, sie kennt die Tricks der Verhörten, sie verfügt
über Menschenkenntnis und Allgemeinbildung, hat einen Blick für Details
und vor allem Berufserfahrung. Man kann ihr nichts vormachen. Tom Rockwell weiß,
warum er Mike beauftragt, den Tod seiner Tochter aufzuklären. Mit Polizeimethoden
jedoch lässt sich dieser Fall nicht aufklären, und für andere
Sichtweisen fehlt Mike die Kompetenz. Sie hat den Fall durch, sie kann die Akte
schließen und steht vor einem Rätsel, das sie an ihrem Verstand zweifeln
lässt. Um Tom Rockwell diesen Zweifel zu ersparen, belügt sie ihn.
Mike ist eine tragische Figur und sie tut einem leid. Denn wenn man mir die
Intelligenz wegnimmt, wenn man mir die aus dem Gesicht nimmt, dann läßt
man mir wirklich nicht mehr viel übrig.
Das Messer mag noch so scharf sein, man kann Erde damit bearbeiten, aber
nicht Wasser, Luft oder Feuer. Natürlich ist einem die bodenständige
Mike mit ihrer traurigen Vergangenheit näher als die von allen irdischen
Übeln verschonte, dem Himmel zugewandte Jennifer. Man erfährt allerdings
auch nicht viel von Jennifer. Doch je mehr ich mir ihr Leben vorstelle, um so
tragischer erscheint es mir. Eigentlich müsste Mike, ja gerade sie, etwas
Tröstliches darin finden. (Mit dieser Behauptung entferne ich mich allerdings
schon sehr weit vom Text. Deswegen führe ich die Diskussion im Fragebogen
weiter; er ist diesmal sehr ausführlich ausgefallen.)