| HOME | |
Gründe
Drei Gründe hat der Junge, warum er weg muss. Erstens weil nichts los
ist in Rerik, zweitens weil man sagt, sein Vater sei besoffen ersoffen und drittens?
Der dritte Grund ist so unwichtig, dass er ihn mitunter vergisst, denn eigentlich
ist es gar kein Grund, sondern nur der Traum von fremden Ländern und Abenteuern.
Dafür steht Sansibar.
Judith hat zwei Gründe. Erstens schwebt sie als Jüdin in unmittelbarer
Lebensgefahr, zweitens darf das Opfer ihrer Mutter nicht vergeblich gewesen
sein.
Auch der bärbeißige Knudsen hat einen Grund abzuhauen. Da er im
Ort als Kommunist bekannt ist, riskiert er, verhaftet zu werden. Doch zwei Gründe
sprechen dagegen. Erstens kann er seine geistesgestörte Lebenspartnerin,
die genauso gefährdet ist wie er, nicht im Stich lassen und zweitens, tja,
der zweite Grund, der dagegen spricht, wird erst im Laufe des Romans deutlich.
Für Hellander geht es weniger um sein Leben als um den Erhalt der kritischen
Gesinnung. Das ist sein Grund. Die Holzfigur, die diese Gesinnung ausdrückt,
zu retten, ist ihm wichtiger als die Chance, im Krankenhaus zu überleben.
Statt selbst zu flüchten, lässt er ein Kunstwerk außer Landes
schaffen.
Gregor hat drei Gründe zur Flucht. Erstens glaubt er nicht mehr an die
Partei und die Notwendigkeit, ihre Aufträge auszuführen. Zweitens
befindet er sich im Land seiner Feinde. Drittens ist er in Judith verliebt.
Grundsätze
Der Junge beweist Mut und Stärke, aber hat er schon Grundsätze?
Judith belügt den Wirt und bietet sich dem betrunkenen, schwedischen Matrosen
an; der Wirt bezeichnet sie deswegen als Flittchen. Hat sie keine Grundsätze?
Zumindest hat sie keine Wahl mit einem Pass, der sie als Jüdin ausweist
und den sie dem Wirt vorlegen muss. Aber wäre sie nicht so fest an der
Seite ihrer Mutter gestanden, hätte sich ihre Mutter nicht umbringen müssen,
damit Judith endlich die Flucht ergreift. Auch denkt Judith selbst in ihrer
aussichtlosen Lage noch in moralischen Kategorien. Lassen Sie ihn doch!
sagte Judith zu Gregor (als Gregor Knudsen nötigt, die junge Frau an
Bord zu nehmen). Sie dürfen ihn nicht zwingen!
Knudsen tut das Gegenteil von dem, was er sagt. Er handelt gegen seine kommunistischen
Grundsätze, wenn er einem Kirchenvertreter einen Dienst erweist, und er
riskiert sein Leben für eine Holzfigur, obwohl er überhaupt nicht
versteht, was es damit auf sich hat. Er wehrt sich dagegen, die Geliebte eines
Parteibonzen (so sieht er das) mitzunehmen. Freilich vereitelt die Mitnahme
auch seinen Plan, die Holzfigur im Meer zu versenken statt sie nach Schweden
zu bringen. (Dann hätte er nämlich noch genug Zeit, Dorsch zu fangen
und müsste nach der Fahrt nicht erklären, weshalb er ohne Ladung zurückkommt.)
Doch am Ende nimmt Knudsen die junge Frau mit und bietet auch dem Parteibonzen
noch an, ihn mitzunehmen. Bei aller Widersprüchlichkeit entscheidet Knudsen,
auch wenn es ihm schwerfällt, so wie er es für richtig hält.
Er erfüllt seine Pflicht als Gegner der Anderen, aber handelt er nach Grundsätzen?
Der lesende Mönch ist nicht so fromm wie es scheint, auch Hellander nicht.
Der Pfarrer zweifelt an Gott, weil er (im Gegensatz zu vielen anderen Pfarrern
in jener Zeit) am Bösen verzweifelt. Sein kritischer Geist ist so stark,
dass sein Glaube schwach ist, doch hofft er bis zuletzt noch auf einen Hinweis
von Gott. Er schießt, als er verhaftet werden soll, aber er hat weniger
Angst vor dem Tod als vor dem Verlust seiner Gesinnung unter der Folter. Anstatt
zu versuchen, sich selbst zu retten, rettet er ein Kunstwerk. Welche Bedeutung
dieses Kunstwerk hat, zeigt sich an Gregor. Hellander opfert sich für die
Kunst, aber ist voller Zweifel über seine Grundsätze. Er erwägt,
sich selbst umzubringen, was eine Todsünde ist, und tötet einen der
Anderen, was auch eine Todsünde ist. Er schießt, um Gott zu einem
Hinweis zu provozieren, aber auch aus Furcht und Zorn.
Als Gregor den jungen lesenden Mönch sieht, muss er zunächst daran
denken, wie versunken er damals in der Lenin-Akademie gelesen hat. Er trägt
unser Gesicht, dachte er, das Gesicht unserer Jugend, die auserwählt ist,
die Texte zu lesen, auf die es ankommt. Dann entdeckt Gregor, dass der lesende
Mönch, kritisch liest. Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit,
jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde:
das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Diese Entdeckung ist (nicht nur)
für Gregor entscheidend. Es war aber etwas geschehen, dachte Gregor.
Ich habe einen gesehen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch
aufstehen und fortgehen. Gregor, der seiner Partei ohnehin misstraut, seitdem
seine Freundin spurlos verschwunden ist, nimmt sich vor, zukünftig nicht
mehr die Aufträge der Partei auszuführen, sondern selbstverantwortlich
zu handeln. Diese Entscheidung rettet das Leben von Judith und das Kunstwerk,
das ihn zu dieser Entscheidung animiert hat.
Die Macht der Anderen basiert darauf, dass niemand selbstverantwortlich nach
eigenen Grundsätzen handelt. Deshalb verfolgen sie jeden, der dies tut.
Deshalb wollen sie auch das Kunstwerk vernichten. Deshalb sind die Personen
in diesem Roman Helden, nicht nur wegen des hohen Risikos, das sie dabei eingehen,
sondern auch weil sie sich erst dazu überwinden müssen, das zu tun,
was sie für richtig halten.
Widerstand
Judith und das Kunstwerk erreichen das sichere Ufer. Und die anderen?
Judiths Mutter ist tot. Hellander ist tot. Ob Gregor durchkommt, ist zweifelhaft.
Ob sein Pass so gut gefälscht ist, wie er glaubt, wissen wir nicht. Aber
der Wirt weiß, dass an dem besagten Abend ein Fremder in seiner Gaststube
gesessen hat. Hoffen wir, dass er ihn nicht genau beschreiben kann.
Knudsen kehrt vermutlich ohne Ladung heim. Selbst wenn Proviant und Sprit noch
länger reichen würden, um mit einem Kutter voll Dorsch im Heimathafen
einlaufen zu können, wüsste doch jeder im Ort, dass er dafür
zu lange unterwegs war. Außerdem ist er vorher nicht zusammen mit den
anderen ausgefahren, sondern hat gewartet. Außerdem ist er im Ort als
Kommunist bekannt. Nach der Schießerei im Pfarrhaus und dem verschwundenen
Kunstwerk wird die Gestapo nicht lange nach einem Hauptverdächtigen suchen
müssen. Auch der Schiffsjunge dürfte (im wahrsten Sinne des Wortes)
nicht ungeschoren davonkommen. Und die arme Bertha wird sich auf Dauer nicht
verstecken lassen.
Vordergründig zeigt der Roman selbstverantwortlich handelnde Menschen,
denen es gelingt, den Nazis ein Schnippchen zu schlagen. Doch ihr Widerstand
ist wenig effektiv und von solchen Zufällen wie dem Scheinwerferausfall
des Polizeibootes abhängig. Die Helden sind starke Romanfiguren, aber schwache
Einzelkämpfer. Ohne eine starke Organisation kann man gegen die Anderen
nichts ausrichten. Die Romanhelden begreifen noch nicht mal, wie einig sie sich
im Grunde genommen sind. Sie bleiben einander fremd.