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Ingeborg Bachmann hat zahlreiche und bedeutende Literaturpreise erhalten,
und wäre sie nicht schon mit 47 Jahren umgekommen, wäre die
Liste der Ehrungen sicher noch länger geworden. Entsprechend umfangreich
ist auch die Liste der Sekundärliteratur, zumal das Werk ja nicht
gerade als leichte Lektüre gilt und der Interpretation viel Spielraum
lässt. Der Katalog der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main
liefert unter dem Titelstichwort Malina
67 Treffer, über die Hälfte davon bezieht sich auf Sekundärliteratur
zum Roman.
Da stellt sich natürlich die Frage, warum ausgerechnet ein Homepage-Bastler
noch seinen Senf dazugeben muss.
Danke, dass Sie weiterlesen.
- Die Antwort ist simpel: Dies ist ein Forum für Leseratten, nicht
für Experten! - Nun ja, ich kann es auch etwas ausführlicher
begründen:
Ich finde, man sollte
einen Roman verstehen wollen, aber nicht erlernen müssen. Was ein
Roman bietet, erfährt man am besten, wenn man ihn ohne Vorkenntnisse
liest. Ein Schriftsteller schreibt sein Buch, bevor es Sekundärliteratur
dazu gibt, er schreibt es für Leseratten, nicht für Experten.
Ein Experte, der gerne liest, was nicht in sein Spezialgebiet fällt,
ist auch nur eine Leseratte.
Wenn ein Experte in einem Roman eine Stelle entdeckt, die sich auf einen
Satz in Goethes Faust bezieht, und wenn er daraus eine bestimmte Deutung
des Romans ableitet, mag das richtig sein, aber wenn andere, die diesen
einen Satz in Goethes Faust nicht kennen, den Roman ganz anders deuten,
dann ist das genauso richtig, selbst wenn der Autor die Deutung des Experten
bevorzugt hätte.
Ob ein Roman lesenswert ist oder nicht, versuchen Literaturkritiker zu
beurteilen, aber das ist nur eine Prognose, wenn auch oft eine, die ihre
Bewahrheitung selbst bewirkt. Letztenendes jedoch können nur Leseratten
bestimmen, was von einem Roman zu halten ist, denn für sie ist er
gemacht.
Deswegen ziehe ich Sekundärliteratur, wenn überhaupt, erst zu
Rate, nachdem ich meine Buchbesprechung (meinen Leserbrief) veröffentlicht
habe. Ich will meine Lese-Erfahrungen unverfälscht mitteilen und
meine Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, zur Diskussion stellen,
auch wenn sie sich als abwegig erweisen sollten (Senf),
und ich möchte andere dazu anregen, dasselbe zu tun, denn - das muss
der Ehrlichkeit halber eingestanden werden - die Meinung einer einzigen
Leseratte zählt halt nur wenig gegenüber der Meinung eines Experten.
Malina nennt die Autorin ihren Roman, zunächst ist jedoch überwiegend
von Ivan die Rede. Glücklich mit Ivan lautet die Überschrift
des 1. Kapitels. Doch Ivan ist schrecklich, und man fragt sich, ob die
Überschrift der phantastischen Einbildungskraft der Ich-Erzählerin
oder dem Sarkasmus der Autorin zu verdanken ist. Denn Ivan bietet keinen
Halt, er ist nicht der Ruhepol, für den ihn die sensible und nervöse
Ich-Erzählerin hält, die Ruhe verdankt er seiner Selbstgefälligkeit.
Ivan misstraut ihr nicht, er kritisiert sie nicht, er kontrolliert sie
nicht, das gibt ihr, die sich für lebensuntüchtig hält,
Selbstvertrauen, doch Ivan ist einfach nur desinteressiert. Er unterbricht
sie, wenn sie ihm etwas erzählen will, und vertröstet sie auf
unbestimmte Zeit. Wir haben noch ein ganzes Leben Zeit. Sie liegen
wortlos im Gras, wenn sie, das kommt selten vor, beisammen sind. Oder
sie spielen Schach. Nur wenn sie schläft, stört sie ihn nicht.
Es ist auch das einzige, was er bei ihr kontrolliert.
Eigentlich ist er schon weg, wenn er da ist, weil er nie für sie
da ist. Sie sitzt auf den Koffern und wartet, dass er sie zum Bahnhof
bringt, wie er es ihr am Abend zuvor von sich aus angeboten und fest versprochen
hat, und sie wartet vertrauensvoll, bis es für die Reise fast zu
spät ist, denn vorher sagt Ivan nicht ab. Er ruft an, damit sie wartet,
aber er sagt nur zu, um abzusagen. Sie unterwirft sich einem Menschen,
der sich über ihre Sprache und Kleidung lustigmacht, der sie sogar
mehrmals direkt beleidigt. Anstatt mit ihr Schluss zu machen, demütigt
er sie; er scheint Gefallen daran zu finden. Und sie bildet sich immer
noch ein, dass sie einmal zueinander finden werden:
Ivan und ich: die konvergierende Welt.
Malina und ich, weil wir eins sind: die divergierende Welt.
Malina kommt, wenn Ivan geht. Sie begegnen sich nie, auch
wenn die Ich-Erzählerin manchmal mit diesem Gedanken spielt. Ivan
weiß nicht, dass es Malina gibt und Malina, der es weiß, ignoriert
Ivan. Malina trinkt nie aus Ivans Glas, benutzt nie Ivans Aschenbecher
und er weiß genau, mit welcher Farbe sie gespielt hat, wenn er die
Stellung auf dem Schachbrett sieht. Er ist immer wach, wenn die Ich-Erzählerin
wach ist, und geht mit ihr nachts im Kreis herum, um sie zu beruhigen,
er beschwichtigt sie, wenn sie aufgewühlt ist, antwortet, wenn sie
ihn fragt und schweigt, wenn sie an etwas anderes denkt. Malina und
ich, weil wir eins sind ...
Ich drücke jetzt mal ein wenig auf die Senftube:
Malina ist kein Animal, ihm fehlt jeglicher Trieb.
Malina ist abgespalten von der Ich-Erzählerin, ihr innerer Widerspruch
wird zum äußeren Widersacher - die divergierende Welt.
Malina ist kein ganzer Mann, auch wenn er männliche Züge
trägt, denn ihm fehlt die Leidenschaft (oder die Kraft, die Leiden
schafft). Malina ist ihr Verstand, der sie vor ihrer Einbildungskraft
zu schützen versucht, die sie aber braucht, um ihren schlechten Erinnerungen
zu entkommen. Der Verstand kann sie davor nicht schützen, der Verstand
verhindert keine Alpträume. Der Verstand kann überschäumende
Phantasie bremsen, kann übertriebene Ängste besänftigen
- und er sorgt für das Einkommen. Doch Mitgefühl hat er nicht
und Liebe bringt er auch nicht in die Welt. Wie soll sie dann aber besser
werden? Malina hat dafür ein einfaches Rezept: Ruhe in die Unruhe
bringen. Unruhe in die Ruhe.
Malina ist bei der Ich-Erzählerin nur zu Gast. Erst als die Verbindung
zu Ivan sich auflöst, gewinnt er die Macht. Dann verschwinden nicht
nur die Schlaftabletten und die Zigaretten, sondern auch die bezaubernden
Kleider, die schönen Gegenstände - die Schönheit an sich.
Sogar die Ich-Erzählerin mit ihrer Gefühlswelt verschwindet
und folglich endet auch hier der Roman. Eine der möglichen Todesarten
ist Mord.
Todesraten. Der dritte Mann in diesem Roman ist der Vater, nicht
der leibliche Vater, sondern der Vater des Leids: der Krieg, der Krieg
der Nationen, der Geschlechter, der Menschen. Die Alpträume der Ich-Erzählerin
sind Kriegserinnerungen. Dort wird sie blamiert, geschlagen, in den Tod
gehetzt und ermordert. Der Vater verbrennt ihre Bücher, er vergast
sie in einer dunklen Halle, reißt ihr die Gedärme aus dem Leib,
hetzt sie an den elektrisch geladenen Stacheldraht eines Lagers. (Wer
dabei nicht an den Holocaust denkt, muss geschichtsblind sein.) Der Vater
vergewaltigt die Töchter, demütigt seine Frau mit einer anderen
und prügelt die ganze Familie. In allen Träumen ist die Träumerin
ein hilfloses Kind. Schlimme Erinnerungen töten in Raten.
Eine so beschädigte Seele ist zu schwach für Ivan und Malina,
sie kann sich nicht behaupten.
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