|
Der Untergeher oder zwei Untergeher? Oder drei? Wertheimer bringt sich
nach jahrelanger Erfolglosigkeit um. Glenn Gould macht aus seinem Körper
eine Maschine und stirbt schon mit 51 an einem Schlaganfall. Nur der Erzähler
überlebt - den eigenen Niedergang beobachtend.
Gemeinsam ist den drei Klaviervirtuosen, dass sie von Haus aus, also ohne
eigenen Verdienst, reich sind. Sie müssen nicht um ihre Existenz
bangen, sich irgendwelchen Vorgesetzten beugen und fremde Regeln befolgen,
sie müssen sich nicht mit Geschäftspartnern, Kollegen oder Kunden
arrangieren, Kompromisse eingehen oder um etwas bitten. Sie brauchen sich
nicht verbiegen zu lassen, sie verbiegen sich selbst. Eine eigene Familie,
auf die sie Rücksicht nehmen müssten, haben sie nicht. Die einzigen,
die ihnen jemals etwas zu sagen hatten, sind ihre Eltern. Sie hassen ihre
Eltern. Ich bin aufs Mozarteum gegangen, um mich an ihnen zu rächen
... Aber bei Glenn ist es nicht anders gewesen, auch nicht bei Wertheimer,
der nur Kunst und also Musik studiert hat, um seinen Vater vor den Kopf
zu stoßen ...
Dank ihrer Eltern sind sie finanziell unabhängig, alle Wege der Selbstverwirklichung
stehen ihnen offen, niemand setzt ihnen Grenzen. Leider können sie
sich selbst keine setzen. Wertheimer scheitert an der Maßlosigkeit
seiner Ziele. Er will der beste der Welt sein, als Klaviervirtuose zunächst,
später versucht er es als Philosoph. Der Erzähler dagegen redet
sich seinen Ehrgeiz aus und strengt sich nicht mehr an, er setzt sich
überhaupt keine Ziele mehr. Er behauptet von sich, er brauche keine
Anerkennung, und erklärt diejenigen, von denen er Anerkennung bekommen
könnte, für inkompetent. Musikpädagogen sind Kunstaustreiber,
Kunstvernichter, Geisttöter, Studentenmörder, das Publikum
ist verachtungswürdig, der Erzähler konstatiert Weltstumpfsinn.
Glenn Gould erreicht sein Ziel, perfekt Klavier zu spielen, doch dafür
übt er rücksichtslos gegen sich und spielt Jahrzehnte lang die
Goldbergvariationen, als habe er kein Interesse mehr an der Musik, sondern
feiere mit der permanenten Wiederholung seiner Perfektion nur noch sich
selbst (1). Warum setzt er sich keine neuen Ziele und schaut, wieweit
er kommt und welche Erfahrungen er dabei macht? Er riskiert nichts und
verliert sein Leben.
Wertheimer wird als Egomane beschrieben, der seine Schwester quält.
Gould entwickelt sich zum Autisten. Der Erzähler verharrt in seinem
Verkümmerungsprozess. Noch nicht mal untereinander sind sie
wirklich befreundet, nur von Geistesfreundschaft ist die Rede -
und von Neid. Der Erzähler findet Menschen unausstehlich, Wertheimer
findet sich selbst unausstehlich, was er auch ist, und beide vernichten
die Ergebnisse ihrer Arbeit. Glenn Gould leistet zwar seinen Beitrag für
die Welt, entzieht sich aber als Mensch. Der eine geht unter, der andere
ist kurz davor und der dritte taucht unter. Wie gut, dass sie nicht die
einzigen Klaviervirtuosen auf der Welt sind!
(1) Natürlich
hat der wirkliche Glenn Gould nicht nur die Goldbergvariationen gespielt.
Glenn Gould war ein äußerst vielseitiger und kreativer Pianist,
der ein Klavierstück vollkommen verschieden interpretieren konnte
und sich dabei oft weit von den Vorgaben des Komponisten entfernte. Außerdem
hatte er ein Faible für selten gespielte oder unbekannte Werke und
eine Abneigung gegen das übliche Standardrepertoire. In der Rezension
eines Romans kann aber nur über das gesprochen und spekuliert werden,
was im Roman steht. Deswegen ist hier nur von der Romanfigur Glenn Gould
die Rede, und diese Person übt zwanzig Jahre lang die Goldbergvariationen
und spielt sie danach - so perfekt wie schon in der Studentenzeit. Und
wohl auch genauso, wie der Erzähler sie in Erinnerung hat! Denn hätte
Gould anders gespielt als früher, wäre das dem ehemaligen Klaviervirtuosen
und angehenden Biografen des Pianisten sofort aufgefallen. Der
Romanheld hat sich im Gegensatz zum wirklichen Glenn Gould nicht weiterentwickelt.
|