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Der Titel ist auch gleich der erste Satz des Romans, dann folgt die lange
Rückblende, eine typische Rahmenhandlung also, in deren Verlauf man
wieder zum Anfang kommt und deren Schluss mit dem Anfang identisch ist.
Pilar erzählt ihre Liebesgeschichte, und weil sie dabei weint, wird
sie ihren Liebsten wohl verloren haben. Alle Liebesgeschichten sind
gleich. Alles klar! Mal kurz auf die letzte Seite geblättert
- der letzte Satz des Romans lautet: Hol deine Sachen, Träume
machen Arbeit. Das klingt optimistisch, nach Zupacken und Zukunft.
Der Satz muss eine Rückblende in der Rückblende sein, dachte
ich, ein besonders schmerzlicher, ironischer, denn wenn Pilar, die die
Geschichte erzählt, Tränen vergießt, dann kann es kein
Happy End geben. Das habe ich den ganzen Roman über gedacht bis zu
jener Stelle, wo die Rahmenhandlung schließt - und der Roman trotzdem
weitergeht. Reingefallen! Der Trick, die Wende im Epilog zu verstecken,
mag für einen Formalisten ein Gräuel sein, mir gefällt
er.
Religiöse Exstase, Wunderglaube und Katholizismus bilden ein Ambiente,
zu dem ich mich nicht gerade hingezogen fühle, aber das ist kein
Grund, den Roman zu kritisieren. Was mich stört, ist der Widerspruch
zwischen der behaupteten großen Liebe des Seminaristen zu Pilar
und seiner Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber. Sie hat kein Geld
für die Reise, sie sagt es ihm; sie ist vollkommen abhängig
von ihm. Und was macht er? Er lädt sie ein, das ja, in gute Restaurants
sogar, aber etwas Geld, damit sie etwas unabhängiger von ihm ist,
das gibt er ihr nicht. Sie hat nichts Warmes anzuziehen, und er fährt
mit ihr in die Berge, in den Schnee. Dort lässt er sie dann buchstäblich
im Regen stehen oder verschwindet stundenlang, ohne ihr vorher Bescheid
zu geben; sie kann dann sehen, wie sie sich in dem Gebirgsdorf, das sie
ohne Geld nicht verlassen kann, die Zeit vertreibt. Er fragt sie nicht,
ob sie in Saragossa noch etwas Wichtiges zu erledigen hat, er sagt ihr
nur, dass er noch etwas Wichtiges zu erledigen hat. Ihr Studium, ihre
unmittelbar bevorstehende Prüfung, ihre anderen Interessen, das sind
keine Themen, er spricht nur über seine Welt. Der Mann führt
und belehrt, das Weib folgt und lernt, er gibt vor und sie sich hin. Die
Rollen sind festgelegt. Der Seminarist kennt keine Kompromisse.
Sie will es so, zugegeben. Sie möchte unvernünftig sein und
ihre Liebe durch Risikobereitschaft und Hingabe beweisen. Außerdem
ist sie die Erzählerin, daher ist es nicht verwunderlich, dass sie
schildert, was sie alles gegeben hat für diese Liebe und noch bereit
war zu geben. Vielleicht waren ihre Gespräche ja viel themenreicher,
als sie aufgeschrieben hat, vielleicht erzählt sie nur über
seine Welt, weil sie so sehr daran teilnimmt, dass sie die eigene vergisst?
Sie schreibt sich schließlich ihre Trauer von der Seele, da darf
man keinen nüchternen Bericht oder eine ausgewogene Erzählung
erwarten.
Nicht jedes Happy End befriedigt, meistens soll es das auch gar nicht.
Dieses Happy End soll, aber kann nicht. Die Figuren handeln zu geradlinig:
Pilar beschließt, ihre andere Seite - Vernunft, Sicherheitsbestreben,
Realitätssinn - zu ignorieren. So einfach ist das. Doch wie lange
lässt sich die eigene Persönlichkeit verleugnen? Ihr Freund
steht kurz vor der Priesterweihe und verzichtet auf sein Berufsziel und
seine Gabe. Ist das Thema für ihn erledigt? Liebe macht blind, sagt
man, aber ist es nicht eher die Verliebtheit, die das bewirkt? Dieses
Happy End macht keinen Mut; schon der erste Konflikt endet fast tödlich.
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