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Johnny Carter hat zwar viel Ähnlichkeit mit Charlie Parker, aber
die Story ist erfunden. Dem Autor geht es weniger um einen Künstler
und seine Kunst, sondern um das prekäre Verhältnis zwischen
einem biederen Biografen und einem süchtigen Künstler. Der Autor
beschreibt das, was der Biograf weglässt.
Genaugenommen ist Bruno eigentlich mehr Kritiker als Biograf, ein bewundernder
Kritiker allerdings. Während Bruno über den Menschen das Verständnis
zu dessen Kunst sucht, sucht der Künstler einen Menschen, der für
ihn selbst Verständnis hat. Jeder erwartet vom anderen etwas, was
der nicht geben kann. Die beiden Protagonisten passen nicht zusammen,
ihr Verhältnis ist zwar von Wohlwollen, aber auch von Unehrlichkeit
geprägt: Bruno verehrt den Künstler Carter und fühlt sich
zu ihm hingezogen, ist aber jedesmal erleichtert, wenn er den Menschen
Johnny mit seinen Eskapaden wieder los ist. Johnny kritisiert, dass er
in der Biografie nicht seine Person, sondern nur seine Musik beschrieben
findet, mag Bruno aber trotzdem, weil er ihm zuhört. Doch Bruno hört
ihm zu, um konkrete Aussagen über seine Musik zu bekommen, die er
in der Biografie verwenden kann, während Johnny oft nur Sätze
aneinander reiht, als probiere er Tonsequenzen aus: Assoziationen, Improvisationen.
Wird der Künstler in seinen lichten Momenten jedoch konkret, dann
versteht ihn der Biograf nicht.
... was du vergessen hast, bin ich.
Nicht möglich, Johnny.
Mich hast du vergessen, Bruno, mich. Aber es ist nicht deine Schuld,
daß du du nicht hast schreiben können, was auch ich nicht imstande
bin zu spielen. Wenn du etwa sagst, daß meine wahre Biografie meine
Schallplatten sind, weiß ich, daß du das wirklich glaubst,
und es klingt ja auch gut, aber so ist es nicht. Und wenn ich selbst nicht
fähig war, so zu spielen, wie ich sollte, nämlich das zu spielen,
was ich wirklich bin ... dann kann man auch von dir keine Wunder verlangen,
Bruno.
Johnny sucht die Musik, die in ihm steckt. Sie soll spontan und unverfälscht
aus ihm kommen, eine Musik aus dem Bauch, die richtig ist, weil
sie kompromisslos ist und sich nach keinem Publikumsgeschmack richtet,
die aber dennoch in sich stimmig und perfekt sein muss, sonst würde
sie ihm nicht gefallen. Diese Musik soll sogar ihn selbst überraschen,
wenn sie auf die Welt kommt. So übertrieben der Anspruch auch klingen
mag, in New York gab es einen solchen Moment:
... ich hörte mich wie aus weiter Ferne, aber in mir selbst,
neben mir selbst ...
Die Momente der künstlerischen Ekstase sind selten, für Johnny
zu selten. In seiner Ungeduld redet er sich ein, dass sich die Zeit verdichten
lasse; er verachtet die Routine. Aber er kann oder will nicht verstehen,
dass das Neue nur perfekt sein kann, wenn es auf Routine basiert. Die
Zeit lässt sich nicht so einfach verdichten, gut Ding will Weile
haben. Anstatt den langen Weg als das Ziel zu betrachten, stirbt er das
Ziel vor Augen auf halbem Weg, weil er sich verausgabt und seine Gesundheit
mit Drogen ruiniert.
Das einzige, was zählt, ist, daß man von sich so viel wie
möglich gibt, sagt Bruno zu Johnny und kommt er sich selbst
blöd dabei vor. Zu Recht!
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