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Das zweite Wort des Titels passt auf alle Erzählungen dieses Buches.
Die Protagonisten belügen nicht nur andere, sondern auch sich selbst.
Wie hervorragend sich diese beiden Arten des Lügens ergänzen,
wird hier sehr anschaulich gezeigt. Am besten gedeiht die Lüge natürlich
in Hierarchien und besonders dort, wo Unterordnung bis ins Privatleben
hinein erwartet wird. Was liegt da näher, als sich ins Dienstmädchenmilieu
zu begeben? Doch die Zeiten haben sich geändert. Einige der "Dienstmädchen",
von denen hier die Rede ist, wissen sehr genau, wie sie sich Ihre Herrschaft
vom Leib halten und ihren Verdienst aufbessern können.
Am weitesten bringt es Esther in der Erzählung Eine Jüdin
für Charles Allen. Als blondes Mädchen von dem jüdischen
Antiquitätenhändler Allerhand unter der Berliner Mauer hindurch
auf die Westseite gezogen, nimmt sie eine jüdische Identität
an, färbt sich die Haare schwarz und "arbeitet" sich im
Laufe der Jahre vom Dienstmädchen bis zur Geschäftsführerin
hoch. Sie bezeichnet sich als Finanzgenie und rechtfertigt vor dem naiven
Charles ihre Hehlerei mit dem Argument, dass sie als Jüdin in Deutschland
keine andere Verdienstmöglichkeit habe, und am Ende stellt sich heraus,
dass ihr Vater bei der SS war. Für ihren Vater kann sie nichts, aber
dass sie ihre Mutter als Lügnerin beschimpft und behauptet, sie sei
nur ihre Stiefmutter und habe ihr vor lauter Hass im zarten Alter von
zehn Jahren die Zähne ausgeschlagen, das ist kaum mehr zu überbieten.
Dabei lügt Esther nicht einmal aus Hass gegen ihre Mutter, sondern
tritt lediglich die Flucht nach vorne an, um vor dem Erben Charles, der
ihr sein Geschäft überlassen will, nicht als Lügnerin dazustehen.
Er könnte es sich ja anders überlegen. Und wie reagiert Charles?
Er wirft die Mutter aus der Wohnung und vergewaltigt die Tochter. Und
die Moral von der Geschicht? Lügen lohnt sich. Es steckt aber auch
Wahrheit in der Geschichte, denn wer sich - wie Charles - selbst belügt,
der wird auch von anderen belogen. Er ist ein jämmerlicher Schwächling,
der die Wahrheit nicht verträgt.
Frau Dank in der Erzählung Ein kleiner Selbstmordversuch ist
zwar misstrauisch, aber doch zu sehr von der Realität entfernt, um
ihrem Dienstmädchen Olga etwas nachweisen zu können. Am Ende
entschuldigt sich die Naive bei der Durchtriebenen. Haben Sie Mitleid?
Wenn ja, mit wem?
In der Erzählung Der geschmuggelte Ehering ist es die Dienstherrin,
die sich belügt. "Frau Elisabeth" pflegt
einen gehobenen Lebensstil und makellose linke Ansichten. Sie hat,
obwohl sie gerade ihre Doktorarbeit in Literaturwissenschaft schreibt,
genug Einkommen, um sich eine Putzfrau leisten zu können. Ihr linkes
Gewissen beruhigt sie dadurch, dass sie ihre jüdische Putzfrau wie
eine Freundin behandelt. Die wohlhabende Elisabeth verwechselt jedoch
materiellen Nachholbedarf mit Sentimentalität und bietet sich an,
den goldenen Ehering ihrer Putzfrau über die russische Grenze zu
schmuggeln. Sie erlebt eine gefahrvolle Reise voller Enttäuschungen
und Scheinheiligkeit. Am Ende ist es aber nicht die junge Deutsche mit
den makellosen linken Ansichten, die ihrer jüdischen Putzfrau den
goldenen Ehering wiederbringt, sondern ihre alte Mutter, ein ehemaliges
BDM-Mitglied, die im Tonfall des Herrenmenschen - darüber zermartern
Sie mal nicht ihr kleines Hirn, mein Guter - das Gold über die
russische Grenze schafft. Und was ist der Dank? Der Ehering wird verkauft,
man spart für ein Auto. Und die Moral von der Geschicht? Traue deinen
Idealen nicht! Hätte sich Elisabeth an dem gemeinsamen Abend etwas
mehr für ihre Gäste interessiert, hätte sie eine von der
deutschen Vergangenheit unbelastete, eine reale Beziehung aufbauen können.
Zum Beispiel hätte sie, die Literaturwissenschaftlerin, anbieten
können, Sascha beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen.
In der Erzählung, die dem Buch den Titel gibt, bezeichnet Ronald
Hake seine Absicht, sein "kleines" schmutziges Geheimnis für
sich zu behalten, als fromme Lüge. Eine feige Lüge wäre
wohl der treffendere Ausdruck. Dagegen lässt sich die Lüge der
Familie Bauer, keine jüdische Vergangenheit zu haben, durchaus als
fromm bezeichnen, denn sie hat zur Absicht, den Nachkommen ein unbeschwerteres
Leben zu ermöglichen. Dies misslingt allerdings gründlich. Conny
heiratet aus Protest gegen den sich als Erzkatholik gebärdenden Vater
einen jüdischen Wissenschaftler, der zwar ein Genie ist, aber unfähig
zu einem normalen Familienleben, und verschweigt beharrlich ihre Vergangenheit
dem geliebten, aber neugierigen Dr. Hake, der sich für ein Genie
der Wahrheitsfindung hält. In gewisser Weise ist er das sogar, denn
die Wahrheit kommt erst ans Licht, nachdem er ein Hirngespinst in eine
reale Tragödie verwandelt hat. Und die Enkel, derentwegen so fromm
gelogen wird? Sie sammeln heimlich Zeitungsausschnitte über den Holokaust.
Mit sarkastischer Konsequenz führt die Erzählerin aus, wie das
Opfer, das sein Leid leugnet, zum Täter gemacht wird - und so nochmal
zum Opfer wird. Aus Carl wird Adolf. Er stirbt daran. Geht es noch schlimmer?
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