| HOME | |
|
In meinem Wörterbuch wird correction übersetzt mit: Korrektur,
Berichtigung, Verbesserung, Abgewöhnung. Den Titel empfinde ich als
lakonisch; denn die Lebenslügen der Lamberts und die daraus resultierenden
Probleme lassen sich nicht mit ein paar Korrekturen beheben. Außerdem
ist es im letzten Kapitel, das dem Roman den Titel gab, für Korrekturen
schon längst zu spät, nicht nur weil Alfred stirbt und seine
Frau Enid bereits 75 Jahre alt ist, als sie sich ein besseres Leben erhofft,
es ist vor allem deswegen zu spät, weil die Korrekturen nicht durch
bessere Einsicht veranlasst sind, sondern weil die Wirklichkeit sie vornimmt.
Die Korrekturen werden erlitten. Die Verhältnisse wirken nach. Chipper zeigt sich als gestrenger
Prediger der Wahrheit, trennt scharf die Kunst von der Werbung, und lässt
sich - erstaunlich naiv - auf das Luder Melissa ein, rutscht danach sogar
ab in die Kriminalität. Gary verzichtet auf eine weitere Karriere,
obwohl er - wie seine Mutter - hinter dem Geld her ist, doch möchte
er sich - im Gegensatz zu seinem Vater - mehr um die Familie kümmern
und das Leben genießen. Seine Gattin aber verteidigt mitleidlos
ihren häuslichen Machtbereich, macht ihn lächerlich vor seinen
Kindern und verwöhnt sie mit teuren Spielsachen, um seinen Geiz zu
verdeutlichen, und demütigt ihn, indem sie ihm Depressionen einredet.
Denise arbeitet besessen wie ihr Vater und ist eine erfolgreiche Köchin,
mit ihren Liebschaften jedoch hapert es, weil sie immer perfekt sein will
und dabei vergisst, sich zu fragen, was sie selbst will. Erstaunlich spät
begreift sie, dass sie lesbisch ist, so richtig begreift sie es erst,
nachdem sie gefeuert wurde und sich von Robin trennen muss. Alle drei
Lamberts haben Probleme mit der Liebe, weil sie in ihrer Kindheit zu wenig
davon erfahren haben, und deshalb scheitern sie auch an ihrem Anspruch,
es besser zu machen als ihre Eltern. Und doch bemühen sie sich, so verlogen das Ganze auch ist, die
letzten Weihnachten in St. Jude zusammen zu verbringen, auch wenn es eher
ein Gegeneinander als ein Miteinander wird. Aber auch ein wenig Liebe
kommt ans Licht. Gary freut sich über die eigene Dummheit, weil sie
dem hilflosen Alfred nochmal die Genugtuung bietet, seinem Sohn zu zeigen,
wie man einen Bohrer bedient. Die sensible Denise bewirkt viel Gutes.
Und am Ende ist es ausgerechnet der haltlose Chipper, der seinem hilflosen
Vater den letzten Halt bietet. Vielleicht ist es bezeichnend für die Gegenwart, dass ein jüngerer
amerikanischer Autor wie Jonathan Franzen zwar mitunter sarkastisch, aber
auch sehr einfühlsam und mit viel Sinn fürs Tragische den Verfall
der Familie, der Gemeinsamkeiten und der alten Werte beschreibt, als bedauere
er, dass die Vergangenheit sich nicht durch Korrekturen verbessern lässt,
während ältere amerikanische Autoren wie beispielsweise John
Irving sich eher moderneren Themen wie Sex und Selbstverwirklichung widmen,
als müsse die Gesellschaft noch heute vordringlich von Prüderie
und Pflichtgefühl befreit werden. Enid und Alfred sind Durchschnittsbürger ihrer Zeit. Sie verteidigen nicht ihre Spleens, wie man das heutzutage gerne tut, sondern ihre Weltanschauung. Ihr Leben ist weniger geprägt von der Sorge, etwas zu verpassen, als von der Befolgung von Regeln, um nicht aus der Gesellschaft zu fallen. Sie geraten nicht auf Abwege, weil sie rücksichtslos dem eigenen Glück nachjagen, sondern weil sie sich nicht rechtzeitig bewegen, wenn sich ihre Umgebung ändert. Sie ignorieren nicht das Gemeinwesen, um ihren Indidualismus auszutoben, sondern üben Verzicht für eine Gemeinschaft, die kaum noch existiert (die bei ihnen aber wenigstens noch als Idee vorhanden ist). Bei den Lamberts scheint diese Enge kaum noch Liebe für sich und ihre Kinder zuzulassen. |