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Ich gebe zu, dass ich das Buch wegen
des Fotos auf dem Umschlag gekauft habe (und da wusste ich noch nicht,
dass das Motiv auch auf dem Buchdeckel eingeprägt ist). |
Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag
Zu uns kommen Menschen, ... die das Gefühl haben, daß
aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und
aus ihrem Körper nichts als der Regenschirm für diesen Tag.
Der Ich-Erzähler, der dies sagt, hat keinen Namen vom Autor erhalten,
nennen wir ihn deshalb der Einfachheit halber Herr G., nicht als Abkürzung
für den Autor Genazino, sondern für das, was den Ich-Erzähler
kennzeichnet: seine Gedanken beim Gehen und sein Gefühl der Geringwertigkeit:
Gestrüpp, Geröll, Geraschel. (Herr G. ist aber auch wirklich
nicht stark wie ein Baum und schon gar kein Fels in der Brandung, und
weil ihn niemand versteht - außer Lisa - sind auch seine Äußerungen
kaum mehr als Geraschel.)
Herr G. hat kein Geld.
Immerhin hat er Glück beim anderen Geschlecht. Seine Gegenwart ist
immer auch eine Gelegenheit: zum Gespräch, zum Getröstetwerden,
zum Geschlechtsverkehr, denn er wird nicht von Geschäften getrieben
wie die anderen, er geht umher und genießt. Und vor allem: Herr
G. geht wieder, er drängt sich nicht auf.
Dass er sich nicht aufdrängt, ist aber auch seine große Schwäche.
Oft hat er das Gefühl, dass er ohne innere Genehmigung auf der
Welt ist, besonders dann, wenn diese Welt sich ihm aufdrängt,
zum Beispiel die Warenwelt in einem Kaufhaus, oder wenn er plötzlich
alte Häuser nicht mehr wiedererkennen kann, weil sie bis zur Unkenntlichkeit
verunstaltet worden sind. Darum muss ich mich jetzt korrigieren: Herr
G. genießt nicht nur, er ist mindestens ebenso oft auch angewidert,
von dem, was ihm geboten wird. An manchen Tagen prasseln die Zumutungen
herab wie Regen, und darum ist ein Regenschirm so praktisch: unter seinem
Schutz kann man sehen, wie ungemütlich die Welt ist, man selbst bleibt
trocken dabei. Herr G. ist kein Schönwetter-Flaneur, denn erstens
ist das Flanieren sein Beruf (wenn er auch nur ein Taschengeld damit verdient),
und zweitens schaut er genauer hin als andere: er sieht, was andere (gerne)
übersehen: den Abfall und die Ausgebooteten. Auf diese Weise nimmt
er an der Welt teil, ohne sich vereinnahmen zu lassen, er lässt sich
nicht verbiegen und erhält sich seine Sensibilität für
die Wirklichkeit. Glücklich ist er nicht dabei; er schwankt zwischen
Größenwahn und Niedergeschlagenheit.
Herr G. braucht Geld.
Zwar hat er keine großen Ansprüche, und wenn er mehr Geld ausgibt
als nötig, dann meistens im Zusammenhang mit Frauen (Mitleid für
Margot, ein passendes Lokal für ein Essen mit Susanne), aber am Ende
muss er doch auf das Ersparte zurückgreifen, das ihm seine Frau Lisa
hinterlassen hat.
... wir alle leben in Ordnungen, die wir nicht erfunden haben, wir
können nichts für diese Ordnungen, sie befremden uns. Sie befremden
uns deswegen, weil wir merken, daß wir mit der Zeit die Schuld dieser
Ordnungen übernehmen. Die faschistische Ordnung bringt faschistische
Schuld hervor, die kommunistische Ordnung bringt kommunistische Schuld
hervor, die kapitalistische Ordnung bringt kapitalistische Schuld hervor.
Die Menschen passen sich an, bzw. nehmen Rollen an, die nicht zu
ihnen passen, und werden sich und anderen fremd dabei. Der Redakteur Messerschmidt
ist ein typisches Beispiel für solch einen Identitätswechsel.
Herr G. wurde Flaneur, weil er nicht so werden wollte wie Messerschmidt,
doch nun beginnt er sich zu fragen, ob Vorbehalte veralten und
Empfindlichkeiten verderben.
Herr G. ist ein Auslaufmodell.
Am Ende arbeitet er wieder als freier Journalist, und eine neue Frau
zieht bei ihm ein. Besonders angestrengt hat er sich nicht dafür,
diese Veränderungen passieren ihm. Er schreibt einen Artikel über
das Sommerfest, dessen Höhepunkt eine Laser-Show sein soll, die ihn
nicht interessiert, was er Susanne nicht sagt. Er steht nun mitten in
der SPASSZONE.
Glück gehabt?
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