Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen
Das Lächerliche entsteht zwischen Anspruch und Wirklichkeit, beginnend
beim Anspruch und endend bei der Wirklichkeit, und je größer
der Widerspruch zwischen diesen beiden, desto lächerlicher das Ergebnis.
Und weil kein Anspruch so hoch ist wie der der Kunst und keine Wirklichkeit
so schlicht wie die Banalität, der ja sogar noch das Zufällige
fehlt, handelt der Roman, dessen Thema das Lächerliche ist, auch
von Kunst und Banalität.
Deswegen wechselt auch die Sprache ständig zwischen kunstvollen und
feinsinnigen Formulierungen und platten Feststellungen. Diese Wechsel
folgen abrupt. Wenn der Leser abzuheben glaubt, stellt ihn der Autor ruckzuck
wieder auf die Füße. Zwei Beispiele:
Er (Dr. Wolters) bestellte Knödel mit Rotkraut und Roulade,
ich (der Erzähler) entschied mich für einen Hühnerschlegel
mit Reis und Champignons. Wie interessant! Andere Autoren ersparen
dem Leser das. Aber bei Wilhelm Genozino ist es ein Stilmittel, Belangloses
und (scheinbar) Bedeutendes gleichen Raum beizumessen.
Dr. Wolters sprach jetzt über die Unmöglichkeit der objektiven
Hermeneutik und über die ebenso große Unmöglichkeit der
psychanalytischen Literaturanalyse. Er nannte die Namen anderer Privatdozenten
und Professoren, die von diesen Unmöglichkeiten nicht so überzeugt
waren wie er und die von ihm deswegen verwerfungsgehemmte Textbürokraten
genannt wurden. Er lachte über seine Verunglimpfung und beugte sich
wieder über seine Roulade.
Ist das - bei diesem Höhenunterschied - nicht schon fast
eine Verbeugung vor der Roulade? Nach dem Essen trennt sich der Erzähler
von dem Gelehrten, der seine geistreichen Ausführungen gerne fortgesetzt
hätte, mit der tollen Ausrede, dass er sich eine Hose kaufen will.
Das ist natürlich eine ziemlich schroffe Zurückweisung, und
Dr. Wolters fasst das auch so auf.
Doch der Erzähler verfährt mit sich selbst nicht anders. Während
er seine dreckige Wäsche in einen Sack stopft, denkt er über
sein Verhältnis zur Kunst nach:
In hochgestimmten Jahren glaubte oder wünschte er, dass
die Gesamtheit aller Leistungen der Kunst auf eine erneuernde Weise auf
die Gesellschaft einwirke. Später erkannte er, dass die Kunst,
wenn überhaupt, immer nur ihre eigene Erneuerung im Sinn hatte. Autistische
Einsamkeitskunst jedoch mag er nicht. Zuletzt findet er wieder zur
Kunst zurück, weil sie sehr stark dem inneren Tätigsein des
Menschen ähnelte und damit doch auf seine allmähliche Selbsterneuerung
zielte.
Dann ist der Wäschesack voll und er schaltet das Radio ein. Schluss
mit Kunst!
Als Wischinski ihn für sein Kulturlokal als Theaterkritiker anwerben
will, antwortet der Erzähler, dass er sich nirgendwo mehr blicken
lässt, wo es bedeutsam zugeht. Das kann man als höfliche Ablehnung
des Angebots ansehen oder als Ablehnung des gesamten Kulturbetriebes.
Man kann es aber auch wörtlich nehmen: der Erzähler lehnt es
ab, sich Bedeutsames anzuhören oder zu verbreiten. Kunst soll nicht
der Eitelkeit der Bildungsbeflissenen dienen. Mit seiner Weigerung erhält
sich der Erzähler den unvoreingenommenen Blick und sieht, was andere
übersehen, zum Beispiel das zwischen Parfümfläschchen,
Spraydosen und Reklameschildern sich räkelnde Tier, die Katze im
Schaufenster eines Friseursalons, oder die grotesk ästhetisierende
Zurschaustellung von Briketts oder einfach nur die Formschönheit
eines Stöckelschuhs auf einer Garage. Ich wartete darauf, dass
es regnete. Dann würde der Schuh in einer flachen Pfütze liegen
und erheblich an Ausdruck gewinnen.
Die etwas in die Jahre gekommenen Intellektuellen schwafeln in der etwas
zurückgebliebenen und mittlerweile sogar etwas heruntergekommenen
Kneipe Cockpit und kommen nicht vom Fleck, weil sie nur eingebildete
Höhenflüge unternehmen. Wanda und der Erzähler nehmen am
Schauspieler-Tisch Platz. In dieser Kneipe herrscht das richtige
Ambiente für Hochstapler wie Wischinski, der dort um Mitarbeiter
für seine Seifenblasen-Projekte wirbt. - Später sitzen der Erzähler
und Wischinski wie zwei Schulbuben bei Mutter Wischinski und essen Gemüsesuppe
mit Marmeladebrot, während sie dem Erzähler einen Knopf annäht.
Das ist natürlich alles lächerlich. Aber das ist nur die Sicht
von außen (und die Sicht des Lesers).
Es gibt auch die innere Lächerlichkeit. Ein Grundzug meiner Lächerlichkeit
bestand darin, daß ich vieles, was ich lange und vehement ablehnte,
irgendwann dann doch annahm. Lächerlich wurde ich durch die beiden
Enthüllungen, daß mein inneres Verweigerungstheater nie gestimmt
hatte, daß ich ohne dieses Verweigerungstheater aber nicht hätte
leben können. Hier wird deutlich, dass das Lächerliche,
da es praktisch unvermeidlich ist, immer auch Tragik enthält; denn
ein Mensch, der keinen hohen Anspruch an sich selbst hat und keine Ideale
verfolgt, der hat auch nicht so viel Potential, sich selbst lächerlich
zu werden.
Das Lächerliche ist immer auch tragisch, das Tragische dagegen ist
nur selten lächerlich. Wanda sagt: Wenn ich nicht zweimal in der
Woche tanze, werde ich nur noch eine Bürokraft sein, und ich weiß
nicht, wie ich das aushalten soll. Wanda träumt davon, als Balletteuse
zu arbeiten, aber das ist aussichtlos, denn der Bedarf nach Tänzerinnen
ist gering und für einen Einstieg in diesen Beruf ist sie zu alt.
Ihre Bemühungen erscheinen lächerlich, aber Wanda klopft keine
großen Sprüche, sie plagt sich für die Erhaltung ihres
Selbstbildes. Später, nach ihrem Bandscheibenvorfall, sagt sie: Wenn
es zu schlimm wird, kann ich mir in der Praxis ein paar Krücken ausleihen.
Und: Wenn es nicht besser wird, kann der Zeitpunkt meiner Überforderung
nicht mehr weit sein. Das ist nicht mehr lächerlich.
Die Erkenntnis, dass man lächerlich ist, führt in die Isolation,
doch wenn man erkennt, das andere es nicht weniger sind, dann stärkt
es das gegenseitige Verständnis. Am Ende meint der Erzähler:
Kurz darauf war ich überzeugt, daß alle Menschen offen oder
verdeckt am Projekt ihrer Lächerlichkeit arbeiteten, und das war
nicht schlimm, im Gegenteil. Die Entdeckung ihrer Lächerlichkeit
war die Bedingung dafür, daß man sich freiwillig zu ihnen zählen
durfte. Doch der Erzähler wäre nicht er selbst, wenn er
diesen schönen Gedanken nicht sofort wieder lächerlich machte:
Nein, es war einfacher. Wer lebt, dachte ich, mußte sich von
Zeit zu Zeit ein paar lächerliche Gedanken machen.
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