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Günter Grass: Katz und Maus Joachim Mahlke wird ein Jahr später als andere eingeschult, denn
Mutter und Tante halten den Jungen für kränklich. Vom Sportunterricht
ist er befreit, er zeigt Atteste vor. Er kann weder Rad fahren, noch schwimmen.
Das Lernen dagegen fällt ihm leicht. Ein Streber ist er aber nicht,
er verpetzt niemanden und lässt abschreiben. Bis zu seinem 14. Lebensjahr
fällt er nicht weiter auf, er ist nur eine graue Maus. Die Bewunderung zu Hause ist zu leicht verdient, sie macht unsicher und verlegen. Mahlke braucht die Bestätigung von anderen. Als er in die Pubertät kommt, will er zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Leicht fällt ihm das allerdings nicht, er strengt sich an, wirkt verkrampft, zeigt Leidensmiene. Er kann nicht albern sein wie die anderen, er muss ihnen voraus sein. Während sie sich in der Sonne rekeln, muss er tauchen, um etwas vorzeigen zu können. Im Laufe der Zeit erreicht er zwar die ersehnte Bestätigung, er wird gefeiert, er wird sogar zum Lebensretter und mit dem geklauten Orden zum Großen Mahlke, doch geliebt wird er nicht. Zu einer Freundschaft ist er auch gar nicht fähig. Seine "Freunde" sind für ihn Konkurrenten, die er übertreffen, und Zuschauer, die er verblüffen will. Er vertraut sich ihnen nicht an, er verschweigt, was ihn bewegt und was er vorhat. Die Kabine im Kahn, die er sich einrichtet, kann er mit niemanden teilen, er kann nur beweisen, dass es sie gibt. Mahlke lebt für sein Publikum und bleibt doch allein, und wenn er kein Publikum hat, schaut ihm die Jungfrau Maria zu. Mahlke hat einen Makel, die Maus, den großen, beim Schlucken hüpfenden
Adamsapfel. Vermutlich kommt Mahlke deswegen auf die abwegige Idee, ein
Clown werden zu wollen, wegen Stehkragen und Riesenfliege. Aber ist es
wirklich so, wie der Erzähler immer wieder behauptet, dass Mahlke
nur diesen Makel zu kompensieren versucht? Kompensiert er nicht vielmehr
seine Furcht, dem Selbstbild nicht genügen zu können und in
Wahrheit kein Held zu sein, nicht der Große Mahlke, sondern nur
eine graue Maus? Jedenfalls ist Mahlke nicht intelligent genug, um zu
begreifen, dass das, was er sich um den Hals hängt, weniger den Makel
verbirgt als die Blicke darauf lenkt. Und er ist noch nicht reif genug,
um zu verstehen, dass wer sich zu viel aufhalst, zu wenig Luft bekommt.
Sein Ehrgeiz wird ihm zum Verhängnis. In Kriegszeiten ist Ehrgeiz gefährlich. Die Schulen erziehen ihren
Schützlingen die Sekundärtugenden an, die ihnen später
als Schützen abverlangt werden. Die Schützen, die überleben,
werden zu Helden. Die Helden sind Vorbilder zum Verführen der Ehrgeizigen.
Mahlkes Sucht, für seine Leistung bewundert zu werden, macht ihn
zum Kriegshelden und zum Verlierer zugleich. Als die Schule ihren Helden
nicht feiern will, geht er unter. Am Ende war alles für die Katz. Die Katz kriegt die Maus. Der Krieg ist die Katz und Mahlke die Maus. |