Maarten 't Hart: Die Netzflickerin
Dieses Buch erschien drei
Jahre nach 't Harts "Das Wüten der ganzen Welt", ist aber
kein Fortsetzungsroman. Dennoch hat man mehr Spaß beim Lesen, wenn
man vorher "Das Wüten der ganzen Welt" gelesen hat, weil
hier einige Personen wieder auftauchen, aber nicht näher charakterisiert
werden: Alexander Goudeveyl und seine Frau Johanna. Auch Aaron kann man
nicht recht begreifen, wenn man den vorhergehenden Roman nicht gelesen
hat. Aaron: In den Augen anderer bist du doch sowieso immer schlechter
als in deinen eigenen Augen, obwohl jeder Mensch genau weiß, daß
er zu Greueltaten fähig ist, von denen niemand anderes weiß
oder jemals wissen wird. Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem,
wenn man hinabsieht. Außer, wenn man in seinen eigenen Abgrund schaut.
Dann ist man im Gegenteil geradezu stolz darauf, dann ist man noch besonders
stolz auf seine Schlechtigkeit. Man kann solche Sätze einfach
der Altersweisheit zuschreiben und damit abtun. Aber wenn man den Roman
"Das Wüten der ganzen Welt" gelesen hat ...
Wenn mich der Autor gefragt
hätte, über welche Person soll ich meinen nächsten Roman
schreiben, hätte ich ohne zu zögern den Apotheker Simon Minderhout
genannt. Simon liebt die Musik und die Philosophie, aber ein Schwärmer
ist er nicht, sondern ein überaus kluger Mensch, der seine wahren
Interessen und Sehnsüchte mit den Ansprüchen der Realität
in Balance zu halten weiß. Andrerseits hätte ich diesem undurchsichtigen
Mann mit dem kühlen Verstand, diesem umsichtigen, alles bedenkenden,
alles organisierenden Apotheker auch die Planung eines Mordes zugetraut.
In dem Roman "Die Netzflickerin" erfahren wir endlich mehr über
diese Figur. Gleich am Anfang jedoch sagt sein bester Freund Aaron:
Du weißt, wie er ist. Nett, aber unzugänglich. Es ist schwierig,
etwas aus ihm herauszubekommen. Und noch schwieriger, sich in ihn hineinzuversetzen.
Auch Simon fällt es schwer, sich in andere hineinzuversetzen. Er
handelt nach seinem Verstand, nicht aus dem Bauch heraus, und er hat mehr
Verstand als die anderen in dem Kaff, wo er wohnt und wo er seine Apotheke
betreibt. Leider beurteilt der Verstandesmensch auch seine Mitmenschen
nach ihrem Verstand. Zwar lernt er recht bald, dass er sich unbeliebt
macht, wenn er sagt, was er denkt, und hält sich zurück, aber
natürlich macht er sich auch unbeliebt, wenn er sich zurückhält
und nicht sagt, was er denkt. Erstaunlicherweise bleibt er sein ganzes
Leben in diesem Ort, wo man ihn nicht mag. Warum macht er seine Apotheke
nicht woanders auf? Warum versucht er nicht, den Beruf zu wechseln?
Warum vertreibt man ihn nicht?
- Weil man ihn braucht. Simon ist der einzige Apotheker im Ort, und er
ist, obwohl er ganz andere Interessen hat, kein schlechter Apotheker.
Er hat ein lokales Monopol und verdient gut, nutzt es aber nicht aus,
sondern verhält sich hilfsbereit und großzügig. Das spricht
sich sogar in den benachbarten Orten herum und führt dann auch Hillegonda
zu ihm.
Da kommt in schwerer Zeit mit leichten Schritten eine junge Frau daher
und lacht so herzlich mitten im Krieg und spielt ein so herzerfrischendes,
leicht melancholisches Lied, setzt sich an sein Klavier und schlüpft
in sein Bett -. Es ist das einzige Mal, dass Simon seinen Verstand verliert.
(Wenn man dieses Lied hört, das keine Pause und kein Tempowechsel
kennt, dessen Melodie sich ständig wiederholt und sich wiederholt
ändert, das sich ständig um sich selbst dreht und einen nicht
löslässt, dann fühlt man sich wie von einem Mädchen
an den Händen gefasst und im Kreis herumwirbelt, so dass alles um
einen herum verschwimmt wie in einem Rausch -, dann versteht man Simon.)
Ausgerechnet sie ist es, die ihn beschuldigt. (Um den Erpressungsversuch
ihres kriminellen Enkels zu vereiteln.) Dabei hat sie, die so gerne redet,
fünfzig Jahre über ihren Verdacht geschwiegen. Das muss man
sich einmal vorstellen. Nicht nur er hat sie geliebt, sie ihn auch. Um
so bitterer ist es, dass diese Liebe keine Chance hatte, gelebt zu werden.
Letztenendes ist es der Krieg, den Simon einigermaßen unbeschadet
überstanden zu haben glaubt, der ihm noch fünfzig Jahre danach
den Lebensabend verdirbt. Es darf bezweifelt werden, dass sich Simon nach
diesem Besuch wohler fühlt. Die Wahrheit hat ihm Verdruss gebracht.
Wenn Simon über sein Leben, das äußerlich gelungen scheint,
nachdenkt, muss er weinen. Was er nicht erfährt, ist das, was nicht
in der Philosophie zu finden ist, ein Gedicht kann es aufleuchten lassen,
Musik vermag sogar die Gefühle dafür zu erzeugen, aber das ist
Erinnerung und Vorwegnahme, nicht das, was ich meine. Ich weiß nicht,
wie ich es bezeichnen soll, aber es ist das, was ihm sein Vater Jacob
voraushatte und ihm das Sterben erleichterte.
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