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Was ist Kunst? Diese höchst komplizierte Frage in Form eines höchst
vergnüglichen Schurkenromans zu diskutieren, ist eine Kunst. Hier
sitzen keine belesenen Bildungsbürger am Kamin und tauschen geistreiche
Thesen aus, hier wird gefälscht auf Teufel komm raus, auch das eigene
Leben. Hier legt jeder jeden herein, der Schein bestimmt das Sein, oder
etwas weniger prosaisch: der Betrug bestimmt das Leben der Protagonisten
in diesem Roman.
Fangen wir bei der nicht unbedingt liebenswerten Tante Lydia an. Um das
Kind, das zu versorgen sie sich gutschreibt, kümmert sie sich nicht.
Der Junge bekommt einen Hauslehrer, nicht weil er schulpflichtig ist,
sondern damit Lydias Geliebter einen Vorwand hat, in ihr Haus zu ziehen.
Schon als Fünfjähriger bemerkt der Junge, dass bei seiner Tante
nichts so ist, wie es scheinen soll, und wird aufmüpfig. Kindermund,
sagt eine alte Dame abfällig, wohl um ihrer Gastgeberin einen Gefallen
zu tun. Prompt antwortet das Kind, der Mund eines Erwachsenen würde
sein Gesicht entstellen. Dass die Dame danach betreten schweigt, gibt
dem Witz noch zusätzliche Würze.
Tante Lydias hochherrschaftliches, arbeitsfreies Dasein wird finanziert
von Robert, dem Fälscher. Bei allem Luxus bleibt sie doch von Tragik
nicht verschont. Denn gerade weil sie so großen Wert auf alles Äußerliche
legt, offenbart sie ihren schlechten Geschmack. Vom Kunstsinn beflügelt
füllt Tante Lydia ihr Landhaus mit Kitsch jeglicher Art und Reliquien
von zweifelhafter Herkunft. Ihr Geliebter Philipp Roskol handelt mit falschen
Antiquitäten, und diese Tätigkeit passt so genau zu Lydias unbedarfter
Sammlerleidenschaft, dass man sich eines gewissen Verdachts nicht erwehren
kann. Belassen wir es dabei.
Schließlich gibt es noch den arbeitslosen Werbetexter Hans Hamilkar
Bühl, der sich zum Poeten berufen glaubt und von Lydia gesponsert
- sie sieht sich gerne in der Rolle der großen Mäzenatin -
an den vornehmsten Orten seinen Schwulst abladen kann. Seine eigentliche
Kunst jedoch ist das Knüpfen von nützlichen Kontakten.
Das Genie unter den falschen Vögeln ist Onkel Robert, der schon in
jungen Jahren im Pariser Louvre die Mona Lisa gegen eine Kopie austauscht.
Und als ob das nicht schon genug wäre, versichert uns der Erzähler
auch noch: man wird es kaum glauben - es war sein Erstlingswerk.
Schon auf den ersten Seiten geht der Autor in die Vollen, und es geht
weiter so. Da hängen Bahnbeamte einen Waggon ab und erpressen Lösegeld,
und der geniale Robert landet in Procegovina, einem Land, das - gleichermaßen
von Armut und übertriebenem Nationalstolz geprägt - gerne mit
seiner Kunst protzt. Da trifft es sich gut, dass Onkel Robert ein begnadeter
Fälscher ist. Es ist nur konsequent und keineswegs überraschend,
dass er nach dem Tod des betrügerischen Kulturministers zu dessen Nachfolger ernannt wird.
Ein Moment der Besinnung fällt bei diesem Roman schwer, ist aber
empfehlenswert.
Kann etwas eine Fälschung sein, wenn ein Orginal gar nicht existiert
und auch nie existiert hat? Warum eigentlich ist Roberts Werk keine Kunst?
Betrug ist es, klar, aber was wird hier eigentlich gefälscht? Falsch
ist die Angabe des Alters und der Name des Künstlers. Aber ist es
nicht gerade ein Merkmal von Kunst, dass sie zeitlos ist, und spricht
ein Kunstwerk nicht für sich? Bedarf es dazu auch noch den Namen
eines anerkannten Künstlers?
Im Normalfall ja. Man kann aber auch einen Künstler entdecken -
im Fachjargon: machen. Die Story muss natürlich stimmen, sagen die
Vermarkter und meinen damit: die Story muss eingängig und glaubhaft
sein. Wie man das macht, zeigt uns der Erzähler am Fall des zu keiner
Zeit lebenden Malers Ayax Mazyrka. Die Story lässt sich mit Geschick (und
Macht) arrangieren, doch wer garantiert, dass sich die Mühe lohnt?
Wer bestimmt den Wert eines Werks? Die Geldgier der Besitzer und der Wunsch
der Käufer nach Teilhabe am Ruhm? Oder das fachkundige Gutachten
von Experten?
Experten lassen sich bestechen. Ob dies immer zum Schaden der Konsumenten
ist, sei dahingestellt. Was ist Echtheit denn wert, wenn sie unbezahlbar
ist? Ist die leere Wand im Museum wirklich besser als die mit Fälschungen
behängte? Natürlich könnte man offizielle Reproduktionen
nehmen, aber wo das Echte fehlt, mangelt es an Reiz.
Auch das Echte kann reizlos sein. Dem Künstler Anton Velnhagen werden
seine eigenen Bilder - mit Sachverstand begründet - zu Fälschungen
erklärt, und der Künstler hat keine Chance, die Wahrheit zu
beweisen.
Ja gibt es denn in diesem Roman überhaupt keine Gerechtigkeit? Kann
man den falschen Vögeln denn gar nichts anhaben?
Doch, kann man. Allerdings bedarf es dazu einer List, man könnte
auch sagen - eines Betrugs. Der geniale Fälscher Robert, der sein
Leben damit zugebracht hat, möglichst orginalgetreu zu malen, fällt
der Leichtgläubigkeit zum Opfer, als ihm Roderick L. Pratt eine Zeichnung
von Holbein zeigt. Die Frau auf der Zeichnung hat nämlich nicht die
geringste Ähnlichkeit mit der Frau, die Robert gezeichnet und als
Holbein verkauft hat, obwohl die Portraitierte dieselbe Person darstellt.
Der Fälscher ist zwar ein Meister der Kopie, doch bei Unähnlichkeit
versagt er, denn das ihm gezeigte Portrait von Holbein stammt von einem
im Fälschen ungeübten Künstler.
Am Ende verlassen zwei falsche Vögel das Paradies. Geläutert
und gelangweilt blicken sie in die Zukunft.
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