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Während der Nazizeit lebte Wolfgang Hildesheimer in England und
entging der Judenvernichtung. Nach dem Krieg arbeitete er als Simultandolmetscher
bei den Nürnberger Prozessen. Sein Buch Tynset ist 1965 erschienen.
Die Verbrechen der Nazis und die Schuldfrage wurden damals in der deutschen
Bevölkerung, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand angesprochen.
Viele der Schuldigen saßen wieder in hohen Positionen. Die Protestbewegung
der Achtundsechziger mit ihren Anklagen steckte noch in den Anfängen,
und vom Ausstieg aus der Gesellschaft war noch keine Rede. Doch während
jene, die erst viel später kamen, noch voller Hoffnung waren, gibt
sich der Ankläger und Aussteiger im Buch, der wachträumende
Icherzähler, schon längst keinen Illusionen mehr hin.
Vor seinem Weg- und Rückzug führt er nächtliche Telefonate.
Er ruft willkürlich ausgewählte Leute seiner unmittelbaren Nachbarschaft
an und warnt sie, dass ihre Schuld entdeckt worden sei. Die Trefferquote
ist erstaunlich, die Reaktionen sind es auch: von Scham oder Reue keine
Spur, stattdessen Flucht vor Strafe und dumpfe Drohungen. Zum Beispiel
Herr Hunke: Warte nur! Bald sind wir wieder da! Dann geht es Euch an
den Kragen! - Wollten Sie mit solchen Nachbarn leben?
Kabasta hat einen Menschen das eigene Grab schaufeln lassen und ihn mit
Genickschuss umgebracht. Er muss nicht vor der Strafe flüchten, denn
er hat schon wieder Macht. Er macht den Ankläger zum Angeklagten.
Nachdem der Erzähler ihn angerufen hat, wird sein Telefon abgehört.
Schon am nächsten Tag knackte es in der Leitung, wenn ich den
Hörer abnahm ... und am übernächsten Tag kamen zwei Arbeiter
vom Telefonamt, die sagten mein Telefon sei nicht in Ordnung, sie müssten
es prüfen. Daraufhin traut sich der Erzähler nicht mehr,
sein Telefon zu benutzen. Er ist isoliert. Er verlässt das Haus,
die Stadt, den Staat.
Doch Ruhe findet er auch in dem abgeschiedenen Ort in den Alpen nicht.
Ein uneingeladener Prediger vertreibt seine Gäste. Der Erzähler
lässt es geschehen. Die Kirchenglocken verkünden Ungerechtigkeit,
denn am Läuten erkennt man den gesellschaftlichen Status des Verstorbenen.
Der Erzähler kann die Verhältnisse nicht ändern, darum
möchte er sich wenigstens nicht mitschuldig machen an ihnen. Er führt
keine Aufträge mehr aus, er meistert auch kein Handwerk mehr, er
leistet keinen Beitrag zu dieser Gesellschaft (außer einen geringen
zur Gastronomie, seine Gewürzmischungen aus dem Kräutergarten).
Die einzigen Bedrängungen, die er akzeptiert, sind die des Wetters,
alles andere betrachtet er als Zumutungen von Menschen, die irgendeinen
Gott oder irgendeine Ordnung durchsetzen wollen.
Der Wachträumer flieht vor den Ordnungen und den Menschen, die sie
geschaffen haben, er flieht vor der Auseinandersetzung mit ihnen und letztenendes
auch vor sich selbst. Er ist nicht mal in der Lage, sich seiner betrunkenen
Haushälterin zu erwehren, die ihn in der Nacht für eine göttliche
Erscheinung hält und, vollkommen verblendet und verzückt, vor
ihm auf die Knie sinkt und um seinen Segen bittet. Unbeholfen segnet er
sie, nur um die ihm unerträgliche Situation zu beenden. Welche Schwäche!
Damit verhöhnt er nicht nur ihre Gläubigkeit, sondern auch seine
eigenen Grundsätze.
Der Erzähler malt sich in der Nacht die historische Gräueltat
aus, die sich angeblich in seinem Winterbett zugetragen hat. Kein Wunder,
denkt der Leser, dass der Erzähler in so einem Bett schlecht einschlafen
kann. Doch warum legt er sich dann nicht in sein Sommerbett? Für
sein Sommerbett denkt er sich eine noch schlimmere Geschichte aus, hier
kommt zum Mord auch noch die Pest. Und dann behauptet er auch noch, dass
er diese Betten liebt. Genießt er seine Schlaflosigkeit? Oder genießt
er es, die Boshaftigkeit der Menschheit dafür verantwortlich zu machen?
Als letzte Zuflucht erscheint ihm Tynset, ein bedeutungsloser und abgelegener
Ort in Norwegen. Dort hofft er, unbehelligt leben zu können. Doch
der Weg dorthin erscheint ihm zu gefährlich. Kraftlos bleibt er liegen.
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