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Betrogen und verlassen nach einem Leben voller Warmherzigkeit, Ehrlichkeit
und Klugheit sitzt Leo in seiner Wohnung. Wie konnte es nur dazu kommen?
Warum müssen Leo und Erica, nachdem sie ihren Sohn verloren haben,
auch noch einander verlieren? Der Unfall ist Schicksal, die Trennung des
Ehepaares ist zwar eine Folge davon, denn sie ist eine Entscheidung in
Not, aber es ist auch eine Entscheidung, die später nicht mehr revidiert
wird.
Der Roman ist dicht gewebt, man muss schon unters Gewebe greifen, um eine
Antwort zu finden. Wenn Leo seine Frau an sich zieht, sagt sie ihm, dass
sie das mag. Das muss Violet ihrem Bill nicht sagen. Aber Leo ist halt
nicht so ein Mannsbild wie Bill, der mit sinnlicher Hingabe und körperlicher
Kraft aus dem Vollen lebt. Leo ist ein Ästhet, ein Feingeist. Weißt
du Leo, sagte Erica, je schlauer du bist, desto sexyer bist du. So
ein Kompliment sollte ein Mann mit Vorsicht genießen. Leo dagegen
sieht sich darin bestärkt, seinen Geist fit zu halten. Er stellt
sich die Ehe als ein einziges langes Gespräch vor. An einer
Stelle des Romans sagt er, ich fand immer, Liebe gedeiht gut bei einer
gewissen Distanz; sie verlangt ein ehrfürchtiges Getrenntsein, um
zu bestehen. Ohne diesen nötigen Abstand werden die kleinsten körperlichen
Äußerungen des anderen in der Vergrößerung abscheulich.
Das klingt vernünftig, aber trägt diese Vernunft nicht auch
zur Trennung bei?
Erica, die immer etwas nervös ist, findet bei Leo Ruhe und Einfühlsamkeit,
aber als sich in der Trauer seine Stärken als Schwächen erweisen,
weil seine Ruhe in Erstarrung umschlägt und seine Einfühlsamkeit
in Empfindlichkeit, gibt es nichts mehr, das die Ehe noch zusammenhält.
Erica führt vernünftige Gründe für die Trennung an,
aber als die Gründe später ihre Bedeutung verlieren, ändert
das nichts an ihrem Entschluss. Vermutlich ist Erica von Leo enttäuscht,
weil er ihr in schwerer Zeit keinen Trost bieten konnte. Daraus den Schluss
zu ziehen, dass die beiden bis dahin keine gute Ehe geführt hätten,
wäre aber falsch. Das Haus war durchaus stabil, erst nach der großen
Erschütterung entdeckt man die Baumängel.
Bill und Violet sind wie zwei Magnete. Bill kann nicht leben, ohne sich
auszuleben, und Violet geht mit. Sie sind ein glückliches
Paar, dem zwar der Kinderwunsch versagt bleibt, aber sie haben Mark, Bills
Sohn aus erster Ehe, und sie mögen ihn. Was machen die beiden falsch?
Warum wird Mark zum notorischen Lügner und Dieb? Diese Frage ist
schwer zu beantworten. Man muss einen anderen Standpunkt einnehmen als
der Icherzähler, denn der ist voreingenommen, der ist fasziniert
von Bills Kunst und Violets Körper. Im Roman heißt es: Alles
hängt von der Perspektive des Betrachters ab. Versuchen wir es.
Dass Bill sich von Lucille trennt, kann man ihm nicht vorwerfen, und
dass Mark unter der Trennung leidet, ist nicht zu vermeiden. Noch viel
mehr jedoch muss Mark unter seiner überforderten, unnahbaren Mutter
gelitten haben. Bill sagt: Der arme Junge ist sowieso schon ganz durcheinander.
Der Junge muss aber schon sehr durcheinander sein, wenn Bill, obwohl
er Violet liebt, sich entschließt, es nochmal mit Lucille zu versuchen.
(Er hält es dann auch nur 5 Tage bei ihr aus.) Diese Begebenheit
scheint für den Roman zunächst nicht wesentlich zu sein, ist
aber der Schlüssel für Marks Entwicklung. Dass ein Kind zwischen
den getrennt lebenden Eltern hin- und herpendeln muss, ist der Persönlichkeitsentwicklung
sicher nicht förderlich, aber keine Erklärung für Marks
späteres Verhalten. Da ist mehr passiert. Als Violet fast schon am
Ende des Romans berichtet, Lucille habe ihr damals am Telefon gesagt:
Mark sei vorbildlich, wusste er bereits, wie er sich seiner Mutter
gegenüber zu verhalten hatte. Er musste vorbildlich sein, um sie
nicht zu überfordern und um nicht von ihr abgewiesen zu werden. Geholfen
hat es nicht.
Mark muss sich aber eingebildet haben, dass es ihm bei seinem Vater und
Violet geholfen hat. Von ihnen wird er nicht abgewiesen. Dass die beiden
über Jahre hinweg nicht bemerken, dass Mark das liebe Kind nur spielt,
glaube ich nicht. Vermutlich wollen sie es nicht bemerken. Bills rigide
Moralvorstellungen lassen es einfach nicht zu, dass sein Sohn unehrlich
ist und sich verstellt, und Violet nimmt vielleicht zu viel Rücksicht
auf Bill. Aber das ist Spekulation. Feststeht, dass der Hausarrest nur
der Rechtfertigung des Vaters dient, zum inneren Halt des Sohnes trägt
diese Maßnahme nichts bei. Es wäre ohnehin zu spät. Bill
mag seinen Sohn noch so lieben, bei seinem Ausdruckswillen und seiner
Arbeitswut kann er nicht viel Zeit für ihn übrig haben, und
Violet ist nicht nur eine tüchtige Hausfrau und Köchin, sie
betreibt Forschung und schreibt Bücher, wie soll sie dabei auch noch
Marks Mutter ersetzen?
Die Nichtbeachtung seiner Unehrlichkeit zeigt dem Jungen, dass er nur
seine Verstellkunst verbessern muss, um sich mehr Freiheiten nehmen zu
können. Und die braucht er, weil er sich zu sehr anpasst. Die permanente
Selbstkontrolle erklärt seine Oberflächlichkeit, die Selbstverleugnung
seine Ausbrüche. Der Eindruck, dass Mark alles gibt, bevor er aufgibt,
ist nachvollziehbar. Bitte vertraue mir! fleht er, bevor er das Vertrauen
bricht. Mark will nicht enttäuschen, er muss. Sein Zwang zu gefallen
zwingt ihn zur Flucht. Und gerade weil Bill und Violet so aufrichtig leben
und intellektuell denken, flüchtet sich Mark in eine Lügenwelt
und unterwirft sich einem Scharlatan. Sein Hang zum Kriminellen bildet
das Gegengewicht zum Liebkindseinmüssen.
Es ist Ironie, dass ausgerechnet Bill, der ein Werk geschaffen hat, das
vor allem eine Untersuchung der Unzulänglichkeit symbolischer
Oberflächen war - der Erklärungsmuster, die an der Wirklichkeit
vorbeigehen, erst so spät die Erklärungen seines Sohnes,
die an der Wirklichkeit vorbeigehen, als solche wahrnimmt. Und es ist
Ironie, dass ausgerechnet Violet, die als Autorin die These vertritt,
die hysterischen Frauen hätten, solange sie unter Beobachtung standen,
reagiert, wie es von ihren Ärzten erwartet wurde, als Erziehende
nicht erkennt, dass auch Mark nur reagiert, wie man es von ihm erwartet,
solange man ihn beobachtet. Und wie kommt es, dass so ein tiefgründiger
Beobachter wie Leo nicht sieht, dass die Identität von Mark so wechselhaft
ist wie die Identität der Figuren in Bill Wechslers Kunst?
Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass jede Anstrengung, die
Welt zu verbessern, irgendwann ins Gegenteil umschlagen muss, weil der
Anteil der Dummheit und Lüge in der Welt konstant ist. Dann bleibt
uns am Ende nichts anders übrig wie Leo: mit Fassung zu ertragen
den düsteren Ausblick.
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