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Nach "Garp und wie er die Welt sah" und "Das Hotel New
Hampshire" ist das der dritte Roman von John Irving, den ich gelesen
habe. So sehr sich die Romane bezüglich ihres Inhalts unterscheiden,
so gibt es doch auch einige Gemeinsamkeiten. Hiermit meine ich nicht solche
Marotten des Erzählers wie zum Beispiel seine Abneigung gegen Hunde;
das sind Wiedererkennungsangebote, gedacht als Belohnung für die
treuen Fans. Wichtiger erscheinen mir die Abneigung des Erzählers
gegen alles Theoretische und Intellektuelle und seine Vorliebe für
das Körperliche und Äußerliche. Die Sexualität hat
bei ihm ein Gewicht, das alles andere daneben unwichtig erscheint. In
den vielen hundert Seiten dicken Romanen findet sich kein Platz für
Politik und Gesellschaft, Ungerechtigkeit und Krieg. Selbst wenn einmal
ein politsches Datum erwähnt wird, wie im Roman "Witwe für
ein Jahr" in dem Hinweis, dass Ruths Sohn Graham am 3. November 1991,
am ersten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, geboren wurde, dann
ist das für den Roman vollkommen belanglos. Dem Autor geht es um
etwas anderes.
Wenn in einem Roman die vier Hauptpersonen alle Schriftsteller sind und
als Nebenfiguren ein Lektor, eine Journalistin und ein begeisterter Leser
auftreten, dann kommen einem schon arge Bedenken. Bei John Irving braucht
man die nicht zu haben, denn hier wird nicht gefachsimpelt, sondern gevögelt
(vom 16. bis zum 76. Lebensjahr). Jetzt könnten einem natürlich
ganz andere Bedenken kommen, aber der Roman hat nichts mit Porno- oder
Erotikliteratur gemein. Details werden zwar nicht verschwiegen, schon
gar nicht die peinlichen, aber viel mehr noch wird darüber geredet
(dabei kommt es natürlich zu Missverständnissen). Die Beziehungen
sind kompliziert, mitunter sogar vertrackt, oft ist des einen Glück
des anderen Leid, und weil alle das eine wollen, aber durchaus nicht nur
das eine, sondern auch verstanden werden wollen, kommt es zu den unglaublichsten
Situationen bis hin zum Slapstick (Eduardo in der Ligusterhecke).
Eine Person aus dem wirklichen Leben ist für mich der Holländer
Harry, was sicher auch daran liegt, dass er nicht exzentrisch ist wie
die anderen. Eddie finde ich interessant, solange er noch in der Pubertät
ist, aber dann? Was geht mich der geile alte Bock Ted an, dessen unerwarteter
Selbstmord ich genauso schwer verstehen kann wie das unvermittelte Auftauchen
Marions nach 38-jähriger Zurückgezogenheit. Von Allan erfährt
man nur, dass er höflich und rücksichtsvoll ist und dass er
genau weiß, wann man ungestraft (und publikumswirksam) zu jemandem
Arschloch sagen kann. Dass er ein hervorragender Lektor ist, wird behauptet,
aber nicht verdeutlicht. Die Freundschaft zwischen der beziehungsunfähigen
Hannah und der beziehungslosen Ruth verstehe ich nicht. Vielleicht beruht
sie auf einem unausgesprochenen Deal: Ruth erfährt von Hannah Intimes
über Abtreibung und Sex, was sie selbst nicht erfahren hat und was
sich auch nicht so einfach recherchieren lässt, und Hannah, die Klatschjournalistin,
fühlt sich wichtig, weil sie der berühmten Schriftstellerin
den Stoff liefert und sie mit ihren Erfahrungen belehren (und demütigen)
kann. Für eine langjährige Freundschaft taugt diese Basis aber
nicht. Lassen wir das. Von Ruth wissen wir mehr, sie ist ja die Hauptperson
des Romans. Hier muss man unterscheiden: Ruth als Kind einerseits und
Ruth als Frau und Schriftstellerin andrerseits. Die Glaubwürdigkeit
der Person Ruth zu beurteilen, erscheint mir jedoch als schwierig. Wie
gut, dass es einen Fragebogen gibt und ich Sie dazu befragen kann! Also,
wie finden Sie Ruth?
Eine Schwierigkeit, die Glaubwürdigkeit von Ruth zu beurteilen,
rührt daher, dass man zwar die Frau nicht von der Schriftstellerin
trennen darf, um den ganzen Menschen zu verstehen, dass aber diese Schriftstellerin
hier zusätzlich noch als Alter Ego des männlichen Autors fungiert.
Sie vertritt seine Auffassung von einem guten Roman und schreibt wie er.
Die blaurote Luftmatratze ist typisch für ihn, es ist seine
Sprache, sein Witz. Sie teilt auch seinen Ehrgeiz beim Sport und ist kräftig
genug, einen Mann krankenhausreif zu prügeln. (Ob John Irving das
jemals getan hat, wissen wir nicht, aber in seiner Zeit als Ringer war
sicher auch er kräftig genug dazu.) - In dem Roman "Das Hotel
New Hampshire" ist es der Gewichtheber John, der die Ansichten des
Autors vertritt.
Worum geht es dem Autor eigentlich? Es geht ihm um die orginelle Verknüpfung
von Erzählsträngen und die Glaubwürdigkeit seiner Figuren,
ums schriftstellerische Handwerk, nicht um Mitteilung von Meinungen -
mit einer Ausnahme: die Rechtfertigung dafür, nichts mitzuteilen.
Darum muss Ruth ihn als Schriftsteller vertreten und immer wieder betonen,
dass sie kein Buch über ein Thema geschrieben hat, sondern einen
Roman. Dass nicht sie eine bestimmte Erfahrung gemacht hat und eine bestimmte
Ansicht vertritt, sondern ihre Figuren. Warum vertraut John Irving nicht
auch in dieser Hinsicht auf seinen Roman?
In allen drei Romanen (seine anderen kenne ich nicht) hat er sich für
den auktorialen Erzählstil entschieden. Kein anderer Erzählstil
erlaubt dem Autor so viele Freiheiten, sein Erzähler weiß alles,
er kann ankündigen und vorgreifen, weil er die Zukunft kennt, er
aber auch kann bewerten und behaupten, ohne es im einzelnen beweisen zu
müssen, weil er auch das kennt, was nicht im Roman steht. Deswegen
läuft der allwissende Erzähler Gefahr, den Leser zu belehren
und dann quasi nur noch zur Demonstration seiner Ansichten die Figuren
in der Romanwelt herumzuschieben. Der Autor kennt diese Gefahr und verzichtet
daher konsequent auf jede Botschaft. (Nur eben auf die eine nicht, keine
Botschaft übermitteln zu wollen.)
Die Perspektive des allwissenden Erzählers erlaubt ihm, das Verhalten
seiner Personen besser zu erklären, indem er genau im richtigen Augenblick
der Handlung auf Ereignisse aufmerksam macht, an denen sich weder seine
Personen noch seine Leser in diesem Moment erinnern würden. Dies
ist mitunter recht hilfreich bei einem Roman von mehreren hundert Seiten.
Er kann auch beim Leser Spannung erzeugen, indem er einen Höhepunkt
ankündigt. Als sich Ted von Mrs. Vaughn trennen will, kündigt
der Autor an: Mrs. Vaughn sollte es ihm wahrhaftig schwermachen.
Der allwissende Erzähler ist ständig versucht, nur zu behaupten,
statt vorzuführen, weil es Mühe macht, ins Detail zu gehen und
weil der Teufel nunmal im Detail steckt. Aber John Irving macht sich die
Mühe. An was muss er nicht alles denken, damit Marions Auszug gelingt!
Gerade deswegen sind seine Romane ja so umfangreich. Und weil sie so umfangreich
sind, braucht der Autor den allwissenden Erzähler.
Manchmal verwendet der Autor auch faule (man könnte genausogut sagen:
raffinierte) Tricks, so etwa, wenn er seine Personen auf eine bestimmte
Erfahrung fixiert, was zunächst ziemlich willkürlich erscheint,
aber zu diesem Zeitpunkt nicht weiter wichtig ist, so dass man es ihm
nachsieht und weiterliest. Erst viel später gewinnen diese Fixierungen
Bedeutung, aber dann fragt man nicht mehr, wie glaubwürdig die Fixierung
ist, sondern versteht, dass die Person so handeln muss wie sie handelt,
weil sie diesen Tick, diese Gewohnheit, diese Lähmung aus der Vergangenheit
hat. Zum Beispiel taucht der Maulwurfsmann aus Ruths Kindheit später
als Mörder mit ganz kleinen Augen auf, Maulwurfsaugen(!), und macht
Ruths tatenloses Zusehen, als Rooie umgebracht wird, verständlicher.
Ruth schreit nicht mal um Hilfe.
Man kann die Handlung auch vorantreiben, indem man die sogenannten Zufälle
des Lebens um Hilfe bemüht. Das klingt nach Faulheit und Willkür,
ist aber legitim (wenn man es nicht übertreibt), denn das Leben ist
voll davon, und ein Roman ohne Zufälle wirkt konstruiert und unglaubwürdig.
Man kann sogar von den für die Handlung wichtigen Zufällen ablenken,
indem man zusätzlich Zufälle einbaut, die folgenlos bleiben.
Wenn Ted vom Buchladen aus seinen Chevy sähe, den Eddie vor dem Fotogeschäft
auf der Straßenseite gegenüber geparkt hat, würde der
Roman ganz anders verlaufen. Man muss allerdings einen Blick dafür
haben, was geht und was nicht. Hat John Irving diesen Blick?
Mit erstaunlicher Phantasie und bewunderswertem Gedächtnis knüpft
der Autor über Hunderte von Seiten hinweg ein dichtes Handlungsnetz,
das den Leser gefangenhält, weil er erst nach und nach entdeckt,
wie die Knoten zusammenhängen. Dass die Personen sich oft etwas pubertär
verhalten oder schlichtweg durchdrehen wie Mrs. Vaughn, führt zwar
zu den grotesken Situationen, für die Irving gerühmt wird, andrerseits
leidet darunter aber auch die Glaubwürdigkeit der Personen.
Manchmal kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass der Autor vor
lauter Furcht, er müsse die in seinem Roman vertretenen Meinungen
hinterher in der Öffentlichkeit diskutieren, seinen Figuren einen
Maulkorb verpasst. Zum Beispiel finde ich es einfach unnatürlich,
wenn man wie Ruth durch halb Europa reist, aber noch nicht einmal im privaten
Kreis auch nur einen einzigen Satz über das Leben dort über
die Lippen bringt, Ruth interessiert sich nur für ihr eigenes Privatleben
und wie die Leute auf ihren Roman reagieren.
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