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Es ist eine Unsitte der Verlage, Prosa als Roman zu bezeichnen. Ich
- ein anderer ist eine Sammlung von Erinnerungen, Träumen, Wahrnehmungen,
Reise-Erfahrungen, Anekdoten. Dabei dreht sich fast alles (wie Materie
um ein schwarzes Loch, ehe es von ihm verschlungen wird) um Ausschwitz.
Imre Kertész ist ein Überlebender, doch er schreibt in diesem
Buch weniger als Zeitzeuge, er schildert keine Gräueltaten, sondern
erzählt von den Auswirkungen auf das Ichbewusstsein vier Jahrzehnte
danach.
Das Erschreckende an Ausschwitz ist nicht nur die unvorstellbar hohe Anzahl
der Ermordeten, sondern auch, wie das geschah. So viele Menschen in so
kurzer Zeit zu töten wäre ohne fortschrittliche Logistik und
industrielle Aufwandsminimierung - innerhalb und außerhalb der Lager
- schwer möglich gewesen. Die meisten wurden nicht hingerichtet,
sondern zu Toten verarbeitet. Deswegen waren die Täter weniger Henker
als "Denker": Ingenieure, Buchhalter, Verwaltungsbeamte, Ärzte.
Wer bis dahin noch glaubte, dass Wissenschaft und Kultur die Barbarei
eindämmen würden, dem zeigt Ausschwitz, dass die größte
Barbarei durch Wissenschaft und Kultur erst ermöglicht wird. Auch
deswegen ist Ausschwitz mehr als ein historisches Ereignis, es ist in
der Welt wie die Fähigkeit, eine Atombombe zu zünden. Der Beweis
ist erbracht, dass so etwas möglich ist, und damit auch wiederholbar;
die Menschheit vergisst nicht, wie man Feuer macht.
Wenn der eine Teil der Bevölkerung sich plötzlich als einen
Körper betrachtet und den anderen Teil als Krebsgeschwür, ist
dies eine menschenverachtende Sichtweise auch deshalb, weil das Individuum
ganz allgemein negiert wird, mithin das Ichbewusstsein und das selbstverantwortliche
Handeln. Die Täter verlieren ihr Gewissen und die Opfer ihre Würde
(bevor sie ihr Leben verlieren). Nach Ausschwitz fällt es schwerer,
ich zu sagen. Wie verlässlich ist denn dieses Ich? Wer bestimmt,
wer ich bin? Ich - ein anderer erzählt von den Schwierigkeiten.
Der Icherzähler versucht, sich sein Nichtsein vorzustellen. Kaum
verlasse ich die Hülle, verschwindet der Inhalt. Der Körper
kann (zumindest zeitweise) ohne Ichbewusstsein existieren, nicht jedoch
das Ichbewusstsein ohne Körper. Wie lange hält ein Ichbewusstsein,
wenn der Körper zwar existiert, aber andere über ihn verfügen,
als bedienten sie eine Maschine (die bereits abgeschrieben ist)?
Der Schriftsteller reagiert empfindlich, wenn er sich als Jude oder Ungar
äußern soll, er lässt nicht zu, dass er eingeordnet wird,
er besteht darauf, als Individuum behandelt zu werden. Andrerseits ist
er ein Individuum, dass sich seiner nicht mehr gewiss sein kann. Die in
Ausschwitz beschädigte Identität baut sich nicht von selbst
wieder auf. Bei dem lebenslangen Versuch, sich die fehlende Selbstgewissheit
zu erschreiben, stellt er fest, dass Ausschwitz auch der Nährboden
seiner Kreativität ist. Die Leiter zum Himmel steht auf dem Boden
der Hölle. Wer wäre er ohne Ausschwitz?
Nach der schrecklichen Gefangenschaft im KZ, nach den folgenden vierzig
Jahren hinter dem Eisenern Vorhang - man sollte annehmen, der quer durch
Europa fahrende Schriftsteller müsste das Reisen genießen.
Teilweise tut er das auch, aber die Angstträume reisen mit, auch
das Misstrauen. Als er in Leipzig nicht sofort das Gästehaus des
Bürgermeisters findet, gerät er in Panik und dann gleich darauf
nochmal, als er im Gästehaus von einem wütenden Mann als Gauner
angebrüllt wird. Der Icherzähler schließt sich ein, und
als er das Haus verlassen muss, flieht er voller Furcht. Erst später
erfährt er, dass auch der Schreihals nur ein Opfer der Verfolgung
ist. (Mehr dazu in der Umfrage, siehe rechts.)
Der Erzähler muss feststellen, dass Ausschwitz verdrängt wird,
während der Antisemitismus wieder offensichtlicher wird. In Budapest
entdeckt er eine Horde in khakifarbener Kleidung, mit glattrasiertem
Schädel, in der Hand des einen ein langer Holzknüppel, die ...
Jagd auf Menschenfleisch machte. Bei einer in Deutschland stattfindenden
Konferenz unter dem Titel "Deutsche und ungarische Intellektuelle
im Gespräch" wird er von ungarischer Seite ausgeladen mit der
Begründung, er schriebe nur über ein einziges Thema (nämlich
Ausschwitz) und sei somit nicht repräsentativ für das Land (nämlich
Ungarn).
Mittlerweile hat Imre Kertécz als erster Autor Ungarns den Literaturnobelpreis
erhalten. Vielleicht ist er jetzt repräsentativer für das Land.
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