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Der Titel weckt zunächst Widerspruch, denn der 15-jährige
Icherzähler hat ja durchaus ein Schicksal. Der Titel des Romans ist
natürlich ironisch gemeint, denn schicksallos kann man eigentlich
gar nicht sein, der Begriff ist ein Kunstwort. Schicksallosigkeit ist
ein Vorwurf an diejenigen, die Ausschwitz und das Schicksal der Opfer
gerne verdrängen und vergessen wollen. Der Roman wurde auch genau
so verstanden und deswegen totgeschwiegen. Die Begründung, der Roman
verhöhne die Opfer, weil er - aus der Sicht eines Kindes geschrieben
- die Ereignisse verharmlose, ist fadenscheinig. Ein solch grobes Missverständnis
ist den verantwortlichen Beamten in Ungarn nicht zuzutrauen. Vielmehr
wollten sie verheimlichen, wie bereitwillig ungarische Behörden den
Nazis zugearbeitet und die jüdische Bevölkerung ausgeliefert
haben.
Schicksal ist etwas, wogegen man nichts tun kann, und dieser Roman zeigt
wie kaum ein anderer, wie sehr man als Jude den Nazis ausgeliefert war.
Es fällt allerdings nicht leicht, von Schicksal zu sprechen, denn
dabei denkt man eher an einen Unfall, eine Krankheit oder an eine Naturkatastrophe,
eine Epidemie, vielleicht auch an Kriegswirren oder an eine unerklärliche
göttliche Fügung, weniger an eine Menschenvernichtungsorganisation.
Das Problem ist, dass man beim Holocoust immer gleich auf die Grenzen
der Sprache stößt. War es Mord, war es ein Verbrechen? Die
gängigen Begriffe sind zu leicht. Indem der Autor die Vorgänge
aus der naiven Sicht eines Kindes schildert, umgeht er dieses Sprachproblem.
Freilich ist die kindliche "Unvoreingenommenheit" des Icherzählers
immer zugleich auch die bittere Ironie des Autors.
Es ist viel darüber gesprochen worden, dass die Schilderung des KZ-Alltags
aus der kindlichen Perspektive auch ein Kunstgriff ist, um die Empörung
des Lesers wachzurufen. Zahlreiche Stellen im Roman belegen das, in den
Rezensionen werden einschlägige Beispiele zitiert. Aber Vorsicht!
Es wäre ein Fehler, den Roman nur unter dem Gesichtspunkt dieses
Kunstgriffs zu deuten! Die erwachsenen Opfer waren ja im Hinblick auf
Ausschwitz kaum weniger naiv als dieses Kind. Erstens wurden sie gezielt
belogen und zweitens hätten sie, wenn man ihnen die Wahrheit gesagt
hätte, diese unmöglich glauben können. Ausschwitz hat kein
historisches Vorbild.
Als die Kinder erfahren, dass die Kranken sterben und die Toten verbrannt
werden, kommen ihnen die Anzahl und Größe der Krematorien ziemlich
verdächtig vor, so dass die Frage auftauchte, ob die Epidemie
wohl solche Ausmaße habe, daß es so viele Tote gab. Viel
Zeit, um darüber nachzudenken, haben sie nicht. Am Ende des Romans
sagt der Icherzähler: Und indes man alles begreift, bleibt man
ja nicht untätig: schon erledigt man die neuen Dinge, man lebt, man
handelt, man bewegt sich, erfüllt die immer neuen Forderungen einer
jeden neuen Stufe. Gäbe es jedoch diese Abfolge in der Zeit nicht
und würde sich das ganze Wissen gleich dort auf der Stelle über
uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus,
und unser Herz auch nicht ...
Auf jeder Stufe der Unerträglichkeit gibt es noch einen Funken Hoffnung.
Die Stufen waren von den Tätern geplant, die Schritte der Opfer waren
spontan. Die Schritte der Opfer zeigen keine Bereitwilligkeit zur Opferrolle
an, denn die Schritte wurden gemacht, um eine unerträgliche Situation
hinter sich zu bringen. Unerträglich war die Enge in der ungarischen
Zelle - dann endlich der Abmarsch, die Langeweile in der Ziegelei - dann
endlich die Abfahrt, der Durst im Zug - dann endlich die Ankunft in Ausschwitz,
die Anspannung in der riesigen Warteschlange - bis man endlich an die
Reihe kommt. Die Opfer wussten nicht, was sie auf der nächsten Stufe
erwartete; die Gerüchte waren meistens falsch und wurden von denen
in die Welt gesetzt, die Interesse daran hatten, dass alles reibungslos
ablief. Der Roman zeigt, wie es möglich war, mit relativ wenigen
Waffenträgern große Menschenmassen in den Tod zu führen.
(Immer wieder taucht die leidige Diskussion auf, die Juden trügen
quasi eine Mitschuld, weil sie es den Nazis zu leicht gemacht hätten.)
Das Glücksempfinden ist relativ, wäre es nicht so, könnte
man kaum weiterleben. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es
in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich
war. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass er sich in der
schlimmsten Situation noch ein wenig wohlfühlen kann - auch wenn
es nur wegen einer dünnen Suppe ist oder wegen einer Schlafkiste,
die man - ausnahmsweise - für sich alleine hat. Die Anpassungsfähigkeit
des Bewusstseins hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, sondern mit
Überlebenskraft.
Der Heimkehrer lässt sich nicht zum Verdrängen seines Schicksals
überreden von denjenigen, die sich nicht eingestehen wollen, dass
sie sich mitschuldig an seinem Schicksal fühlen. Es sind nun mal
seine Erfahrungen, die lassen sich nicht verleugnen. Darum besteht er
darauf, dass er es selbst war, der die Schritte gemacht hat, auch wenn
er dazu gezwungen war und seine Schritte ihm wenig nutzten. Er ist auch
stolz darauf, diese Zeit mit Anstand hinter sich gebracht zu haben. Der
Junge beginnt, als er nicht mehr nur ans nackte Überleben denken
muss, über Schicksal und Freiheit nachzudenken, natürlich noch
sehr grob und umständlich, doch statt (wie man es unter normalen
Umständen erwarten würde) von den Erwachsenen zum Weiterdenken
ermuntert zu werden, erfährt er nur aggressive Ablehnung. Die Schicksallosigkeit
beginnt mit einem Denkverbot.
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