Javier Marias: Mein Herz so weiß
Wenn ich hier Leser schreibe, meine ich immer auch den
Zuhörer, denn das ist ein Roman, den man jemanden im Bett vorlesen
möchte, leise und langsam, vorausgesetzt der Partner kann zuhören
und geduldig warten, denn das verlangt dieses Buch - in mehrfacher Hinsicht.
Der Leser (und der Zuhörer) muss fast den ganzen Roman lang warten,
ehe er erfährt, weshalb sich die Frau von Ranz erschossen hat. Er
erfährt es von dem Essen verschlingenden und sich dabei bekleckernden
Professor Villalobos, der seine Erinnerungen nicht zurückhalten kann.
Geheimnisse wollen zum richtigen Zeitpunkt verraten sein und das kann
ein Leben lang dauern. Ranz hat einen Mord begangen, weil er ungeduldig
war, und er hat seine Frau Therese verloren, weil er so leidenschaftlich
war, ihr das zu sagen, und er hat danach trotzdem ein gutes Leben gehabt,
weil er sein Geheimnis geduldig bewahren konnte und seine dritte Frau
Juana ihn nicht zur Wahrheit gezwungen hat. Luisa hat die Wahrheit erfahren,
weil sie geduldig gewartet und Ranz zugehört hat, bis er es freiwillig
zugegeben hat, während er seinen Sohn, der ihn direkt danach gefragt
hat, fast aus dem Restaurant geworfen hätte.
Die Ehe von Luisa und Juan ist von Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme
und Zärtlichkeit geprägt, weil jeder den anderen nicht überfordert.
Der Autor führt den Leser recht häufig ins Schlafzimmer der
beiden, wo viel geflüstert wird, aber Voyeure gehen leer aus. Juan
fürchtet das Gefangensein in der Ehe, und er braucht eine lange Übergangsphase,
bis er sich einen Job sucht, bei dem er nicht ständig unterwegs ist,
und es gibt keine Klage darüber von Luisa. Sie bleibt ihm treu. Auch
Juan bleibt treu, obwohl es zahlreiche Situationen gibt, wo der Leser
etwas anderes erwartet.
Zum Beispiel bei Miriam. Juan fühlt sich bei seiner Hochzeitsreise
unwohl bei dem Gedanken, eine Ehe vor sich zu haben. Während seine
Frau krank im Bett liegt, beobachtet er vom Balkon aus mit großem
Interesse eine Frau auf der Straße, die sich wie eine Nutte verhält
und sogar Kontakt mit ihm aufnimmt. Nach einem langen Kapitel voller eindeutiger
Hinweise stellt sich heraus, dass das eine voreilige Annahme des Lesers
war. Für mich ist das eine der besten Szenen in diesem Buch. - Zum
Beispiel bei Berta. Juan schläft wochenlang bei Berta, die dringend
einen Liebhaber braucht. Es kommt sogar soweit, das sie sich vor ihm auszieht
und er sie dabei filmt, aber es passiert nichts zwischen den beiden, sie
bleiben Freunde.
Neben der Ehe zwischen Juan und Luisa nehmen sich die anderen Liebesgeschichten
fast schon widerwärtig aus. Gustardoy der Jüngere konnte gar
nicht schnell genug erwachsen werden, um das Leben zu erkunden, er treibt
es am liebsten mit zwei Frauen gleichzeitig, aber bleibt unzufrieden.
Luisa, hinter der er vermutlich auch her ist, kriegt er nicht. Miriam
will sich ihren Liebhaber geradezu krallen; sie droht ihm damit, sich
umzubringen, wenn er nicht seine Frau umbringt, und wird doch ihr Ziel
kaum erreichen. Berta will rasch einen Liebhaber und erniedrigt sich dabei,
nur um jemanden kennen zu lernen, aber wird nach unzähligen Männern
für eine Nacht vermutlich als alte Jungfer enden. Sie liest Milan
Kundera, den Autor der Leichtigkeit und der Triebhaftigkeit, Juan hätte
ihr sicher Javier Marias empfohlen.
Die häufige Wiederholung von schlangenartigen Sätzen, die tiefsinnige
Gedanken auszudrücken scheinen und die ich oft zweimal lesen musste,
um sie zu verstehen, die aber überwiegend Platitüden enthalten,
strapazieren schon arg die Geduld. Genau das freilich fordert der Roman:
Geduld. Ein besonders hintersinniges Stilmittel? Ich bin mir da nicht
so sicher. Der Autor könnte seine Leser auch einfach unterschätzt
haben. Doch wer in einer so gierigen Zeit wie dieser einen Roman von Javier
Marias liest, muss zu den Bedächtigen gehören, und die sollte
er nicht unterschätzen.
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