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Was macht den Reiz eines Romans aus, der einem mysteriösen Doppelselbstmord
aus Großvaters Zeit nachgeht, wobei dem Leser von vornherein klar
ist, dass er keine Aufklärung mehr erwarten darf. Moderne Methoden
der Kriminalistik oder der Geschichtswissenschaft werden nicht eingesetzt,
der Icherzähler kommt als Privatmann. Zudem ist der Icherzähler
diesem Fall in seiner Jugend nachgegangen, und nun, ein Viertjahrhundert
später, sind die letzten Zeugen entweder gestorben oder ihre Aussagen
müssen als unzuverlässig eingestuft werden. Die Geschäfte
und Gaststätten, die Cafés und Kinos, die damaligen Treffpunkte
existieren schon längst nicht mehr, ganze Stadtviertel sind abgerissen
und neu aufgebaut worden oder haben ihren Charakter von Grund auf verändert.
Der Leser verfolgt ein ziemlich aussichtloses Unterfangen.
Das Erstaunliche ist, dass man überhaupt noch etwas über jene
"tragische Orgie" von 1933 erfahren kann. Der Leser erfährt
jedoch keine neuen Erkenntnisse des Icherzählers, sondern nur seine
Erinnerungen aus der Jugendzeit. Diese Erinnerungen beinhalten auch die
Gespräche mit Leuten, die - damals schon alt - sich an ihre Jugendzeit
erinnert haben. Dieses Sammelsurium von teils unzusammenhängenden,
unzuverlässigen und manchmal auch unglaubwürdigen Erinnerungen
über drei Generationen hinweg ist das Material des Romans.
Der Icherzähler führt seine Leser durch die Straßen von
Paris wie ein Burgführer die Besucher durch die Gänge einer
Burg:
Sehen Sie den Eingang dort oben am Burgfried? In dem Raum dahinter haben
sich zwei junge Eheleute umgebracht, warum weiß man nicht. Am Abend
vorher sollen sie noch in dem Raum, wo sie sich jetzt befinden, getanzt
haben. Auf dem Plan steht zwar, hier habe sich ein Stall befunden, das
ist auch richtig, aber sehen Sie die prächtig verzierte rote Treppe
da hinten? Die ist sicher nicht für das Vieh gebaut worden. Sie muss
einmal, bevor dieser Raum zum Stall umfunktioniert wurde, zu den Gemächern
hinaufgeführt haben. Und woher weiß man, dass sie getanzt haben?
Aus einem Schreiben des Pfarrers an den Bischof, der den Tod der beiden
jungen Eheleute zum Anlass nahm, sich über das unzüchtige Treiben
auf der Burg zu beklagen. Das Schreiben existiert nicht mehr, aber es
muss damals in aller Munde gewesen sein, denn die Bauern nahmen später
darauf Bezug, als sich weigerten, dem Burgherrn Abgaben zu entrichten.
Wenn wir nach der Besichtigung im Gasthaus zur Krone einkehren, dann lesen
Sie mal den Spruch auf dem Schild, das über dem Ausschank hängt:
Des Pfarrers Feder ist so scharf wie die Axt des Bauern. Das Schild ist
natürlich neu, aber es ist mündlich überliefert, dass dieser
Spruch auf die damaligen Ereignisse zurückgeht.
Ich mag solche Führungen, auch wenn ich weiß, dass vieles von
dem, was da erzählt wird, wissenschaftlichem Anspruch nicht genügt
und für die Touristen zurechtgemacht ist. Ich will es auch gar nicht
so genau wissen, manchmal genügt eine Anekdote, um sich das damalige
Alltagsleben vorstellen zu können. Faktensammlungen sind Fundgruben
für die Interpretation, doch ohne Interpretation finde ich sie langweilig.
Patrick Modiano nennt die Straßennamen, aber ich habe erst gar nicht
versucht, seine Wege (die vermuteten Wege der Menschen, an die er
sich erinnert) mit dem Finger auf dem Stadtplan zu verfolgen. Sollte ich
irgendwann mal wieder nach Paris kommen, werde ich andere Wege gehen,
denn seit 1991, dem Erscheinungsdatum des Romans, hat sich schon wieder
vieles verändert. Das einzige, was bleibt, sind die Erinnerungen,
aber die auch nur für begrenzte Zeit. Die Zeit bis zum Verblassen
der Erinnerungen hat dieser Roman ausgemessen, danach bleiben nur noch
ein paar Gegenstände übrig.
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