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Nema ist sein Name, Abel sein Vorname. Nemec bedeutet in slawischen
Sprachen der Stumme, erklärt die Autorin, Abel ist der Sanftmütige,
sagt die Bibel. Erst nach und nach erfährt der Leser, welche Schicksalsschläge
den Sanftmütigen stumm machten. Nema ist ein Fremder, der nirgendwo zu Hause ist, weil er sich mit keinem Ort anfreundet (er verirrt sich leicht) und weil er sich auf niemanden mehr als unbedingt nötig einlässt, um Verlust, Vereinnahmung oder Demütigung zu vermeiden. Von Bora wird er unabsichtlich zwar, aber beinahe umgebracht, von der launischen Kinga wird er wie ein Schoßhündchen gehalten und schläft in einer Ecke auf dem Boden, von den Musikern wird er verachtet und nur geduldet wegen Kinga, beim Metzger wird er in einem Abstellraum untergebracht, bei Thanos in einem illegal ausgebauten Dachgeschoss. Nema macht es sich nirgendwo gemütlich, und das einzige, was er sich aneignet, sind Sprachen. (Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass einem das niemand mehr nehmen kann ...) Den Großteil seiner Sprachkenntnisse erwirbt sich Nema im Sprachlabor, von Tonbändern. Professor Tibor: Deswegen ist alles, was er sagt, ... ohne Ort, so klar, wie man es noch nie gehört hat, kein Akzent, kein Dialekt, nichts - er spricht wie einer, der nirgends herkommt. Zehn Sprachen bringt er sich bei, aber man gewinnt nicht den Eindruck, dass ihm das Freude macht oder dass er ein bestimmtes Berufsziel verfolgt. Eher scheint er sich sein Stipendium sichern zu wollen, indem er viel mehr leistet, als man erwarten kann. Tatsächlich jedoch erwartet man nicht viel von ihm. Vermutlich erhält er das Stipendium nur, weil sich Professor Tibor - als Landsmann des Flüchtlings - verpflichtet fühlt und sein Budget das zulässt. Ansonsten kümmert er sich nicht um den Studenten, noch nicht mal bei der Wohnungssuche ist er ihm behilflich. Nema geht Konflikten wie Einladungen aus dem Weg; er mischt sich nicht
ein, er bringt sich nicht ein. Seine distanzierte Höflichkeit ist
schlecht kaschierte Teilnahmslosigkeit. Deswegen mag man ihn nicht besonders.
Nur Frauen werfen immer wieder ein Auge auf die hochgewachsene, schlanke
Gestalt mit den schönen Augen (die etwas versprechen, was er nicht
halten kann). Doch als es um seine Aufenthaltsgenehmigung geht und er
den Ausländerbehörden den Familienvater vorspielen muss, erweist
er sich - es ist das Letzte, was ihm der Leser zugetraut hätte -
als begabter Schauspieler. |