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Der Roman wurde 1999 wegen seiner Sprachkunst mit dem Heimito-von-Doderer-Preis
ausgezeichnet. Meines Erachtens hätte er den Preis ebensogut für
die ausgewogene Gegenüberstellung zweier Kulturen verdient. Das Buch
ist ja nicht nur ein Liebesroman, sondern mehr noch die Schilderung eines
dreiwöchigen Aufenthalts eines deutschen Philologen in einem islamisch
geprägten Dorf in der Türkei. Der Autor bringt das Kunststück
fertig, einen Einblick in die Lebensweise und Mentalität der Dorfbewohner
zu gewähren, ohne zu kritisieren oder zu verklären, aber auch
ohne ihr die für einen westlichen Besucher empfundene Fremdartigkeit
zu nehmen. Der Icherzähler beschreibt, was er als Besucher zu sehen
bekommt. Das ist viel, weil er als Gast sehr freundlich aufgenommen wird,
aber es ist bei weitem nicht alles.
Der Autor hat Klischees vermieden, die Romanfiguren erscheinen dem Leser
als Menschen aus dem wirklichen Leben. Die Dorfbewohner handeln in dem
eng gesteckten Rahmen ihrer Tradition, aber sie sind alle sehr verschieden
und vertreten unterschiedliche Meinungen. Der kulturelle Riss, der sich
durch die türkische Gesellschaft zieht, wird durch den erfolgreichen
Frankfurter Wäschereibesitzer Hüssein verkörpert, der sich
der jungen Pepuseh wegen von seiner Frau scheiden lassen will. Seliha
in Girmeler dagegen lebt in der Tradition. Im Rahmen der ihr als Frau
zugewiesenen Rolle bestimmt und gestaltet sie den Alltag. Man hat nicht
den Eindruck, dass sie sich unterdrückt fühlt, weil sie ihre
Rolle so perfekt ausfüllt. Seliha kann sogar einen ausgewachsenen
Stier an der Nase herumführen (ein schönes Bild); sie signalisiert
ihrem Mann sehr deutlich, wann er seinen ehelichen Pflichten nachzukommen
hat. Ihr Ehemann Nihat gibt sich liberal und unterhält sich mit seinem
deutschen Gast sehr freizügig. Nihat macht sich sogar über den
konservativen Dorfpatriarchen Muzafer lustig, doch beim Opferfest ordnet
er sich unter und macht sich nützlich, indem er den Graben für
das Blut zieht. Der selbstbewusste Ünal dagegen, der es mit der Tradition
hält und für den es selbstverständlich zu sein scheint,
dass sein Vater mit Muzafer seine Braut aussucht, bleibt dem Opferfest
fern; er hat wichtigeres zu tun. Von Jasmin erfährt man, dass sie
geradeheraus ist und sogar laut denkt und dass sie energisch gegen die
chaotischen Verhältnisse in der Wäscherei angehen will. Von
Pepuseh dagegen kann man nicht viel erfahren; sie wird unmündig und
verborgen gehalten, um ihre Unschuld zu bewahren. Sie kann nur heimlich
agieren. Was sie bei ihrer Zwangsheirat empfindet, wissen wir nicht, aber
zumindest hat es Muzafer geschafft, ihr Hüssein, den sie nicht mag,
vom Leibe zu halten. Mit dem gut aussehenden, geradlinigen und optimistischen
Ingenieur Ünal macht sie bestimmt keine schlechte Partie, und es
ist fraglich, ob sie mit Hirschs taktierenden Assistenten in New York
glücklich geworden wäre.
Der frisch gekürte Doktorand weiß genau, dass der berühmte
Antiquariatshändler Hirsch keinen genialen Wissenschaftler braucht,
sondern einen Streber, der Kataloge für ihn wälzt, dementsprechend
hält er sich mit seinen Meinungen zurück, um der späteren
Karriere willen. Dagegen spielt er sich in der Wäscherei als König
Kunde auf, obwohl er doch weiß, dass er seine Beschwerde nicht an
die überforderte Jasmin richten darf, sondern an Hüssein, schließlich
ist der für das Chaos verantwortlich, doch ausgerechnet mit ihm solidarisiert
er sich, der ist ja der Chef. Sonderlich sympathisch wirkt der Icherzähler
jedenfalls nicht: er kuscht nach oben und tritt nach unten. In seiner
Verliebtheit aber beweist er Feingefühl und Charakter, und am Ende
gelingt es ihm sogar, Pepuseh nicht zu komprimittieren.
Dies ist ein spannender, ein einfühlsamer und vor allem in ästhetischer
Hinsicht gelungener Roman. Die Figuren sind glaubwürdig, die Handlung
und der Schluss sind folgerichtig und wenn man etwas daran änderte,
verlöre der Roman nur seine Balance. Dabei greift der Autor ein heikles
Thema auf: die Stellung der Frau in der islamischen Kultur. Mit viel Verständnis
und ohne westliche Arroganz gelingt ihm die Gradwanderung; er stellt keine
Kultur vor die andere, und wenn der Icherzähler die Landschaft und
die Gepflogenheiten der Leute als etwas Untrennbares und Naturgegebenes
romantisiert, dann wischt der Archeologe Palm solche Vorstellungen mit
ein paar historischen Fakten vom Tisch.
Der Roman ist ausgewogen. Doch ich kann den Roman nicht befriedigt
zur Seite legen, denn mich ärgert gerade das, was ich an dem Roman
loben muss.
Warum? Es ist doch nur gerecht, wenn der Autor seinem hochnäsigen
Doktoranden Grenzen setzt. Warum soll der Streber mit der geschenkten
Karriereleiter auch noch die schöne Pepuseh abkriegen? Nein, hier
setzt sich einmal nicht der junge Kämpfer für die Liebe durch,
sondern ein alter Patriarch, der auf die Einhaltung der Tradition achtet.
Eine alte Kultur ist eben stärker als ein westlicher Held (auch wenn
amerikanische Spielfilme oft das Gegenteil suggerieren). - Also, warum
bin ich unzufrieden?
Der Roman ist nur aus männlicher Sicht ausgewogen.
Es ist ein genialer schriftstellerischer Trick, dass die Türkin,
solange sie ansprechbar ist, Jasmin heißt und später, als sie
unerreichbar ist, Pepuseh. Wer denkt am Ende des Romans, als Pepuseh im
Brautkleid erscheint und alles sich fügt, wie es sich fügen
muss, damit die Balance stimmt, noch an das energische Mädchen Jasmin
in Frankfurt?
Aber es ist nicht die energische Jasmin, in die sich der junge Doktorand
verliebt, sondern die zurückhaltende und daher geheimnisvolle, zur
Unschuld verurteilte Pepuseh. Auf den Punkt gebracht: Er verliebt sich
in das östliche Idealbild einer Frau und sucht auf westliche Art
- als ob sie die Wahl hätte - die Einwilligung dieser Frau. Das passt
nicht zusammen und kann nicht funktionieren, er bringt sie nur in Verlegenheit:
Ich habe auf dich gewartet. - Ja?
Ich liebe dich. - Ja?
Ich fühle, dass du mich liebst. - Ja?
Welches Schicksal Pepuseh in die Obhut Muzafers geführt hat, lässt
sich nur erahnen. Sie wird ungefragt aus Girmeler nach Frankfurt verpflanzt
und ungefragt von Frankfurt nach Girmeler. Hüssein möchte sie
wieder nach Frankfurt bringen, der Doktorand nach New York. (Der Doktorand
kommt nicht mal auf die Idee, mit Pepuseh in Girmeler zu leben, oder zum
Beispiel in Istanbul.)
Der Icherzähler steht als tragische Figur im Vordergrund, der Leser
verfolgt seine Aktionen je nach Einstellung mit Bangen oder Häme.
Aber wer denkt daran, dass jede Aktion des Helden nur das Leid von Pepuseh
vergrößert? Die Figur im Hintergrund ist die wirklich tragische
Figur. Pepusehs Schicksal kann nicht ästhetisch aufgewogen werden.
Das Verständnis für die beiden verschiedenen Kulturen und ihrer
Helden, die sorgfältig austarierte Balance des Romans geht zu ihren
Lasten.
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