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Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels

Die ersten Seiten dieses Romans habe ich mit Skepsis gelesen. Da wird Gott von seinen Engeln als Boss bezeichnet, der nicht sterben kann. Ein Engel erklärt mit unverhohlenem Stolz, welche komplizierten Berechnungen angestellt werden mussten, um ein DNS-Molekül zu finden, das sich dazu eignet, in einem Menschen den cherubinischen Willen einzupflanzen. Die direkte Fernsteuerung der Menschen ist den Engeln verwehrt, da die Menschen einen eigenen Willen haben. Deswegen handeln die Engel nach dem Motto: Bist du nicht willig, dann brauch' ich Gewalt.

"Kleiner Eingriff... Wie viele Tote?"
"Vierundfünfzig."

Das Motiv für solche kleinen Eingriffe ist wenig schmeichelhaft. Der "Boss" hat nämlich einen Fehler gemacht, und Fehler sind natürlich peinlich. Er hat den Menschen einen Gottesbeweis überlassen und der muss nun aus der Welt geschafft werden.

Blasphemie, schnoddrige Sprache der Engel, ein kurzer Abriß der europäischen Geschichte mit eingestreuten Brocken für den Bildungsbürger - sollte das der viel gepriesene Roman von Harry Mulisch sein?

Ja!

Mulisch muss nicht in die Trickkiste der verdrängten Triebe greifen, um den Hauptpersonen des Romans ein tragisches Leben zu bescheren, dafür sorgen die Engel. Die beiden Freunde können über die Welt und sich selbst spotten und sind auf intelligente Art witzig, auch in schwierigen Situationen. Mit solchen Menschen identifiziert man sich leicht. Ohne die himmlischen Aktionen wäre ihr Leben für den Leser vermutlich eher langweilig verlaufen, denn sie geraten nicht so leicht auf Irrwege. Sie sind intelligent und sensibel, denken und handeln realistisch, sind (meistens) ehrlich zu sich selbst und haben gute Karrierechancen. Da muss schon einiges passieren, um sie aus der Bahn zu werfen. Mulisch braucht nicht mehr oder weniger glaubhafte Zufälle zu erfinden, um ihnen die dazu nötigen Schicksalschläge zu erteilen, er läßt einfach seine Engel agieren, und die handeln erbarmungslos und konsequent. (Ihre Geschosse treffen besser als die Präzisionswaffen der Nato.) Das Leben der Personen verläuft tragisch; sie haben trotz ihrer Begabungen und Lebenskraft keine Chance.

Starke Helden ohne Chance - Götter, die ihre eigenen Interessen verfolgen, das gab es schon in der griechischen Tragödie. Doch die Helden des Altertums wussten, dass ihr Schicksal von den Göttern bestimmt wurde, während die Helden bei Mulisch erst am Ende ihres Lebens den Himmel entdecken. (Diese Entdeckung bekommt ihnen nicht.)

Der Leser weiß zwar von Anfang an, dass es Engel gibt und einen himmlischen Plan, aber er erfährt erst nach und nach, in welchem Ausmaß die Handlung von den Engeln beeinflusst wird. Über weite Strecken des Romans sitzt der Leser der Illussion auf, die Personen bestimmten - trotz der Schicksalschläge - ihr Leben überwiegend selbst. Insofern entdeckt auch der Leser den Himmel erst am Ende des Romans.

Das kurze irdische Leben von Quinten weist einige Ähnlichkeiten mit dem Leben von Jesus auf. Schon als Kind diskutiert er mit Gelehrten und tut Gutes. Er fühlt, dass er einen Auftrag hat und läßt sich durch nichts davon abbringen. Am Ende fährt er sogar in den Himmel auf. Das Martyrium erspart uns Mulisch. Das ist konsequent, denn der himmlische Agent ist nicht da, um die Menschheit zu erlösen, sondern um ihr ein Gottesgeschenk zu stehlen.