Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte
Und dann erzählte ich ihr, dann erzählte ich dir DIE FOLGENDE
GESCHICHTE.
Der letzte Satz des Buches ist nur auf den ersten Blick ein unsinniger
Satz, denn mit DIE FOLGENDE GESCHICHTE ist natürlich der Titel gemeint
und daher groß geschrieben. DIE FOLGENDE GESCHICHTE ist erzählt,
wenn man diesen Satz liest. Interessanter ist, dass der Erzähler
diese Geschichte nicht nur seinen Lesern erzählt hat, sondern auch
seiner ehemaligen Schülerin; er duzt seine Schülerin, nicht
seine Leser. Es ist die Geschichte eines Bücherwurms, der tote Sprachen
liebt und lebende Menschen nicht, der also nach landläufiger Meinung
nicht wirklich lebt, erzählt von ihm selbst, unmittelbar vor seinem
Tod. Was kann so jemand schon erzählen?
Als junger Lehrer wird Mussert in eine Affäre verwickelt und aus
der Schule entlassen, doch sein Anteil an der Affäre ist denkbar
gering. Seine Kollegin bringt ihn nur in die Nähe von etwas, das
wie Liebe aussah, denn Maria Zeinstra Herfst versteht ihn nicht und
liebt ihn nicht, sondern will sich nur an ihrem Mann Arend rächen,
der ein Verhältnis mit seiner Schülerin Lisa d'India hat. Musserts
Leidenschaft gilt eher der Poesie des Altertums, als seiner "Geliebten".
Nach seiner Entlassung schreibt er Dr. Strabo's Reiseführer (der
Genetiv mit Apostroph spricht nicht gerade für den gehobenen Anspruch
dieser Reihe). Er schreibt nicht aus Leidenschaft, sondern wohl eher,
um sich seinen Unterhalt zu verdienen. Dem Altphilologen sind seine in
der Schublade verborgenen Übersetzungen der Metamorphosen wichtiger.
Herr Mussert liest. Eine Nachbarin, die ihn durch ein Fernglas beobachtet,
wundert sich: Wenn ich dann nach einer Stunde wieder schaue, sitzen
Sie noch genauso da, manchmal denke ich, Sie sind tot. Was kann so
jemand schon erzählen?
Von Phaethon kann er erzählen, vom törichten Sohn Apolls, der
im goldenen Wagen, gezogen von feuerspeienden Pferden im juwelenbesetzten
Geschirr, durch die fünf Bezirke des Himmels raste und verbrannte,
und vom Blitz des Jupiters getroffen zur Erde stürzte. Er kann sogar
die ganze Klasse in Bann schlagen mit dieser Geschichte und auch mit der
Geschichte von Sokrates Tod, auch wenn sich das seine Schüler - mit
Ausnahme von Lisa d'India - nicht eingestehen. Sie ist die einzige in
seinem noch jungen Lehrerdasein, die Zugang zur griechischen und lateinischen
Poesie findet, sie weiß noch nicht viel darüber, aber sie beginnt
zu verstehen. Sie verkörpert die Hoffnung, dass diese alte Literatur
überdauert. Sie begreift zu spät, dass ihr Verhältnis mit
Arend ein Irrtum ist und sucht Rat bei ihrem Lehrer Sokrates - und seiner
Poesie -, traut sich aber nicht, weil sie ahnt, dass sein Verhältnis
mit Maria Zeinstra beendet sein wird, wenn sie ihr Verhältnis mit
Arend beendet. Wie soll sie ihn da um Rat fragen? Vielleicht will sie
ihn warnen vor Arend. Vielleicht will sie auch "nur" über
Poesie mit ihm reden. Jedenfalls schreibt sie einen Brief an Sokrates.
Aber Mussert sieht nur aus wie Sokrates, der sich für seine Weltanschauung
hinrichten lies. Mussert steht nicht vor seiner Hinrichtung, sondern nur
vor einer eifersüchtigen Frau, aber er verrät Lisa - und damit
auch seine Poesie -, indem er zulässt, dass Maria Zeinstra diesen
Brief zerreißt. Was wird Lisa denken, wenn sie die Papierfetzen
auf dem Boden findet?
Von seiner Liebe zur Poesie erzählt er und von seinem Verrat an ihr,
und wie es dazu kam, dass er seine Lieblingsschülerin verloren hat.
Er unterrichtet nie mehr, er hat ihren Tod nie verwunden, darum erzählt
er diese Geschichte, als er sich auf seine letzte Reise begibt. Dort begegnet
er anderen Fahrgästen, die ihre Geschichte erzählen müssen,
denn es ist auch ihre letzte Reise. Ihre Geschichten richten sich nicht
an die Anwesenden, an die Fahrgäste, sondern an andere, nicht Anwesende.
Als Letzter ist Mussert an der Reihe, und deswegen nennt er seine Geschichte
einfach DIE FOLGENDE GESCHICHTE. Er erzählt sie Lisa, der er sie zu
verdanken hat, er erzählt sie einer Schülerin, die schon viele
Jahre tot ist, obwohl er ihr einmal gesagt hat, dass er nicht an die Unsterblichkeit
glaubt.
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