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Der 26-jährige Ich-Erzähler trauert seinen Jugendfreundschaften
nach, gewinnt aber im Laufe des Romans die Erkenntnis, dass es eher eine
Zweckgemeinschaft war, eine Jugendbande, die sich gegenüber einer
Gesellschaft, die sie nicht haben will, zu behaupten versucht und rebelliert.
Nichts einigt mehr als der gemeinsame Feind, doch Einigkeit macht auch
blind. Die Jugendlichen nehmen ihre Individualität noch nicht wahr,
erst als sie zunehmend ihre eigenen Interessen verfolgen, trennen sich
ihre Wege. Selbst sein etwas lethargischer Freund Dominik, mit dem er
die Wohnung teilt, will plötzlich weg und wandert aus, weil er sich
in der Dominikanischen Republik das Leben leichter vorstellt. Auch der
Erzähler löst die alten Bindungen. Er weint um seinen früheren
Freund Celal, dem es offensichtlich schlecht geht, weicht ihm aber aus,
weil er sich keine Probleme aufhalsen will. Sie wollen alle mehr als nur
Gemeinsamkeit, und weil der Erzähler seine Freunde mag und sehr gut
kennt, versteht das auch der Leser.
Doch wer nie genug haben kann und immer noch mehr will, muss irgendwann
lügen, muss seine Ideale und Freunde verraten. Aus dem Mehr wird
dann ein Zuviel. Patrick klaut die Idee seines Freundes und vermarktet
sie, um seinen Erfolg zu steigern. Frank treibt es ausgerechnet mit der
Freundin seines Freundes Moritz, obwohl er genug andere Gelegenheiten
- und nur darum geht es ihm - zum Bumsen hat. Der Erzähler geht zu
Filiz und betrügt seine Freundin Anika, von der er sich nicht trennen
will, um mehr als nur eine Frau zu erleben, denn Filiz ist ganz anders
als Anika.
Den Romantitel nur darauf zu beziehen, wäre allerdings zu kurz gegriffen.
Mit Mehr ist noch etwas anderes gemeint, das nicht mit ein paar Sätzen
zu beschreiben ist. Es ist ein Mehr an Lebensqualität, das in einer
Gesellschaft, die sich den Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie
unterwirft, nur schwer zu verwirklichen ist. Um diesen Unterschied zu
verdeutlichen, wird den Menschen, mit denen der Erzähler Zusammenhalt
und gegenseitige Hilfe erlebt hat, vieles nachgesehen, während er
die Erfolgreichen, die sich an der ökonomisch geprägten Gesellschaft
ausrichten, sprachlich niedermacht. - Beispiele:
Ein Typ mit dieser Ich-lenke-von-meinem-Haarausfall-ab-Glatze, der
nach einem erfolgreichen Jungunternehmer aussah, stieß mit seinem
Ellenbogen an Franks Glas, das Glas kippte um, die Cola ergoß sich
in Franks Schoß. Natürlich hat dieser Typ eine minderjährige
und bildhübsche Freundin und dann weigert er sich auch noch, die
Cola zu ersetzen.
Um die Prügel zu rechtfertigen, die sein Freund Frank diesem Mann
verabreicht, macht ihn der Erzähler schon vorher schlecht, übersieht
aber dabei, das sein Bild nicht stimmt. Wie sieht ein erfolgreicher Jungunternehmer
denn aus? Und imponiert man seiner Freundin etwa damit, dass man einem
anderen noch nicht mal die Cola bezahlt, die man versehentlich umgestoßen
hat? So verhält sich jemand, der eine Schlägerei anzetteln will,
und das passt nicht zu einem erfolgreichen Jungunternehmer (selbst wenn
er sich nur als einer ausgäbe). Der wird solche Situationen nämlich
meiden, denn es wirkt ja nicht gerade vertrauenserweckend, seriös
und glaubwürdig, wenn man mit einer geschwollenen Lippe oder einem
blauen Auge Kundengespräche führt, mit Geschäftspartnern
verhandelt oder seinen Mitarbeitern Disziplin abverlangt.
Patrick hat eine schmallippige Frau geheiratet, mehr erfahren wir
nicht von ihr. Gemeint ist wohl eine unsinnliche Frau, doch das zu zeigen,
spart sich der Erzähler. Bei der Hochzeitsfeier unterhält er
sich mit Patricks Mutter, die sich darüber wundert, dass er nur schreibt.
Und sonst machen Sie nichts? Dass sie dabei nicht an Literatur,
sondern nur ans gesicherte Einkommen denkt, reicht nicht. Ihre Brillantohrringe
glitzerten. Der Vater der Braut erzählt derweil Herrenwitze.
Um seiner Tochter die Hochzeit zu verderben? Der Erzähler wird nicht
nach dem Inhalt seiner Romane gefragt, sondern: Und wieviel verkaufst
du so? fragte der, dessen Handy eben geklingelt hatte. - So dreitausend,
nuschelte ich. - Dreihunderttausend, Donnerwetter. Die Gäste
werden pauschal verurteilt: Sie kamen sich alle toll vor, sie verdienten
einen Haufen Geld und kannten jeden, der wichtig war... Es ging nicht
mehr darum, etwas Gutes zu machen, es ging darum, sich eine goldene Nase
zu verdienen und dabei noch genug für Koks und Nutten übrig
zu haben. Die Hintergrundmusik: Die schönsten Schmuselieder
aus drei Jahrzehnten.
Mehr erfährt man nicht von diesen Gestalten, keine Nuancen, keine
Widersprüche. Personen aus dem wirklichen Leben sind das nicht. Es
sind aber auch keine Karikaturen, denn der Erzähler sieht sie nicht
ironisch. Es sind seine Feindbilder. Als Gegenbeispiel führt er seine
Freundin an, die Arbeiterin Anika:
... es gab ja nichts, was sie lieber getan hätte, um ihren Lebensunterhalt
zu verdienen. Wenn sie glattverputzte Wände in zarten Farben streichen
konnte, bekam sie einfach gute Laune, und die kann man nicht mit Geld
bezahlen.
Mal ehrlich, glauben Sie das? Hätte es nicht genügt, dass
es Anika befriedigt, wenn nach getaner Arbeit alles wieder sauber und
freundlich aussieht?
Die Freunde des Erzählers sind entweder Verlierer wie Celal oder
Genießer wie Dominik, die anderen (sein Freund Patrick ist auf dem
besten Weg dahin) sind die Spießer. Die Spießer sind geldgierig,
um nicht zu den Verlierern zu gehören, können aber nicht genießen.
Mit seinen 26 Jahren glaubt der Erzähler natürlich, die richtige
Art zu leben gefunden zu haben, und zählt sich zu den Genießern.
Er zeigt uns, wie er, ohne ständig dem Geld nachzujagen, Spaß
am Leben hat, wozu für ihn nicht nur Tanzen, gutes Essen und Gespräche,
sondern oft auch unmäßiger Alkoholkonsum gehört. Er ist
Schriftsteller, liest aber lieber Silversurfer-Comics als Zeitungen, weil
ihn Politik nicht interessiert, wie er mehrmals betont, was ihn aber nicht
davon abhält, die Gesellschaft zu kritisieren. Er räsoniert,
dass einem zu wenig Zeit für Selbstverwirklichung bleibt und dass
man sich lieber mit seiner Familie und guten Freunden amüsieren sollte,
anstatt finanzielle Sicherheiten anzuhäufen, und er moniert, dass
man sich vermarkten muss, um nicht zum Sozialfall zu werden, und dass
man nur schlechte Jobs kriegt, wenn man keine Beziehungen hat ... Das
alles hätte uns freilich auch die Verkäuferin im nächsten
Supermarkt sagen können.
Der Romanheld sieht vieles nur mit seinen Augen, und deswegen sieht
er halt auch vieles nicht. Sein Blick beschränkt sich auf seine Jugendfreunde,
seine Freundinnen und seine Familie. Die Verengung des Spielfeldes würde
dem Roman nicht schaden, wenn der Erzähler nur nicht ständig
zu Verallgemeinerungen neigen würde. Warum erlaubt der Autor nur
seinem Erzähler, die Verhältnisse zu interpretieren? Haben andere
denn keine Meinung dazu? Und wo sind die anderen überhaupt, die ganz
normalen Leute dieser Gesellschaft? Man kann doch nicht ständig über
die Gesellschaft herziehen (die Kritik mag durchaus berechtigt sein),
aber dann - quasi als Repräsentanten dieser Gesellschaft - nur grobe
Feindbilder vorführen! Es entsteht der Eindruck, dass der Erzähler
die gesellschaftlichen Verhältnisse diesen Leuten persönlich
anlasten möchte. Außerhalb seines Freundes- und Bekanntenkreises
und seiner Familie (Anikas Familie gehört gerade noch dazu) gibt
es nämlich niemanden, der irgendetwas Sympathisches an sich hätte.
Alle Leute, die der Ich-Erzähler nicht kennt, sind borniert und boshaft,
sie denken nur ans Geld und werden aggressiv, wenn sie etwas getrunken
haben. Er lässt kein gutes Haar an ihnen. Da wird ein Bart um Kinn
und Oberlippe sofort - so nennt er das - zum Arschlochbart.
Wie soll man diesen Roman verstehen?
1. Der Autor denkt wie sein Erzähler.
Das halte ich für abwegig, denn wer Romane schreibt und viel mit
Sprache arbeitet, denkt nicht so undifferenziert. Doch warum verleiht
der Autor dann seinem Erzähler ausgerechnet den Beruf eines Schriftstellers?
2. Der Autor möchte, dass sein Erzähler den Lesern sympathisch
ist, um den Lesern beizubringen, wie kleinkariert die Gesellschaft ist.
Der Schriftstellerberuf dient dazu, der Gesellschaftskritik des Erzählers
mehr Gewicht zu verleihen. Außerdem ist ein Schriftsteller, der
türkische Eltern hat, auch ein Argument gegen die als Aufforderung
umformulierte Unterstellung: "die sollen erst mal richtig Deutsch
lernen". Der Erzähler hat kein Sprachproblem, er schildert die
Menschen, die ihm nahestehen, sehr genau. Er schreibt nicht nur, sondern
veröffentlicht auch und ist immerhin so erfolgreich, dass er die
Chance sieht, sich nicht einordnen zu müssen und aufrichtig leben
zu können; er muss nur zeitweise jobben, weil er es ablehnt, Werbetexte
oder Gefälligkeitsartikel zu verfassen. Was er schreibt, wissen wir
nicht, wir erfahren nur, was er denkt.
Für sein Denken ist der Autor verantwortlich, und der benutzt seinen
jungen und nicht unsympathischen Ich-Erzähler, um seine Verachtung
gegenüber der Gesellschaft auszudrücken und um einseitige Ansichten
zu verbreiten. Der Autor scheint zu glauben, mit einem um Aufrichtigkeit
ringenden Schriftsteller die notwendige Diskussion umgehen zu können.
Es gibt keine Figur in dem Roman, mit der sich sein Protagonist auseinandersetzen
müsste. (Mit Patrick könnte er es, er tut es aber nicht.) Da
liegt die Vermutung nahe, dass der Autor seine Leser beeinflussen oder
ärgern will. Der Roman wirkt mitunter beleidigend, weil dem Leser
unterstellt wird, er lasse sich von Binsenweisheiten und ein paar fiesen
Typen, die nur zur Veranschaulichung unreflektierter Behauptungen dienen,
beeindrucken.
3. Der Autor möchte, dass
der Leser den Erzähler kritisch sieht.
Es besteht ja immer die Gefahr, wenn ein Autor über einen Schriftsteller
schreibt, dass dieser Schriftsteller dasselbe weiß und empfindet
wie der Autor, obwohl der Autor eine ganz andere Lebensgeschichte hat
als sein Romanheld. Hier ist das Gegenteil der Fall: Der Erzähler
ist nicht das Alter Ego des Autors und wird mit voller Absicht als ein
noch unreifer Mensch dargestellt. Der Erzähler verachtet alle, die
er nicht kennt, was ja nichts anderes heißt, als dass er fremdenfeindlich
eingestellt ist. Dagegen betrachtet er ehemalige Freunde wie Patrick und
Frank, die ihn selbst und andere nur ausnutzen, noch immer mit großer
Sympathie. Er begreift zwar, dass er seine vermeintlichen Freunde verliert,
muss aber noch lernen, auch seine vermeintlichen Feinde zu verlieren.
Möglichweise wollte der Autor auf folgendes hinaus:
In einer fremdenfeindlichen Gesellschaft neigen die Ausgegrenzten dazu
sich einzuigeln und entwickeln dann leicht selbst Vorurteile. Um aus dem
Freund-Feind-Schema herauszukommen, muss man die Menschen als Individuen
wahrnehmen. Bei seinen Freunden gelingt das dem Erzähler im Laufe
des Romans, bei allen anderen nicht. Dazu bedarf es nämlich Mehr:
Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Gespräche, gemeinsame Aktivitäten
und vor allem Zeit. Eine Gesellschaft, die sich keine Zeit für ihre
Menschen nimmt, weil sie zu sehr in ökonomischen Kategorien denkt,
vergiftet die Beziehungen.
Wie haben Sie diesen Roman verstanden?
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