Tartarski bringt einiges mit, was für eine Karriere in der Werbebranche
von Nutzen ist. Die Erfahrung der Armut und des allgemeinen Verfalls macht
aus dem Schöngeist einen Materialisten, und dass er als Materialist
so erfolgreich ist, hat er dem Wissen zu verdanken, das er sich als Schöngeist
angeeignet hat. Zwar sind ihm von nun an Dollars wichtiger als Dichter und
aus dem Dichter wird ein Texter, aber bekanntlich fördern Geld und
Kultur sich ja gegenseitig, weil Kultur immer Geld braucht, sich mit Kultur
aber auch Geld verdienen lässt. Tartarski wildert bedenkenlos in seinem
Wissensschatz über das Wahre, Schöne, Gute, reißt Zusammenhänge
auseinander, verdreht Bedeutungen, zwingt Unvereinbares zusammen, um den
potentiellen Konsumenten (Oranus (Mundarsch)) zum Kaufen zu animieren -
Hauptsache, der Rubel rollt - nein, ganz falsch, Hauptsache, der Dollar
beult - seine Hosentasche, Brieftasche, Aktentasche, etc. Gewissenskonflikte
hat er dabei nicht, weil er an nichts mehr glaubt, und schon gar nicht an
das, was er einmal zu wissen glaubte.
Tartarski muss sich um keine Familie kümmern, er hat auch keine Freundin.
Sieht man von seinem Drogenkonsum ab, hat er eigentlich kein Privatleben;
er widmet sich ganz der Erfüllung der Aufträge. Die Furcht vor
Armut macht ihn auch unempfindlich für Demütigungen; er hält
mit seinem Wissen zurück und lässt sich von seinen Vorgesetzten
belehren. Er lernt rasch, was von ihm verlangt wird. Bei einer Ausstellung
erscheint er sogar, ohne zu wissen, warum man das von ihm verlangt, nackt.
Für eine mittlere Karriere in dieser Branche mag es aussreichen, ein
junger, intelligenter und gewissenloser Streber zu sein, aber Tartarski
kann mehr.
Er sieht die Ungerechtigkeit der Verhältnisse und er versteht die Gefühle
der kleinen Leute. Tartarski ist entsetzt über die Ermordung seiner
Kollegen, und er ist verstört, als er erfährt, dass die Politiker
im Fernsehen nur digitale Trugbilder sind. An seinem Erfolgsstreben und
seiner Anpassungfähigkeit ändern diese Einsichten freilich nichts,
aber immerhin: er hat noch Bodenkontakt. Vielleicht sind viele seiner Treatments
gerade deswegen so erfolgreich. Tartarski ist kein Verbrecher wie einige
seiner Kollegen, sondern nur ein Spieler, der ein gutes Blatt ausreizt,
aber sehr wohl weiß, dass er auch wieder schlechte Karten bekommen
kann; nicht nur einmal rechnet er damit, dass seine Karriere zu Ende ist
und er wieder in der Gosse landet. Er betrachtet sich nicht als etwas Besseres,
er hebt nicht ab wie Asadowski, der seinem Hamster Orden anklebt; er spielt
nur möglichst effektiv die Rolle, die ihm Dollars einbringt. Dass er
sich dabei selbst untreu wird, berührt ihn nicht weiter, er hat keine
Selbstachtung mehr.
Natürlich fördert er die Verhältnisse, von denen er getrieben
wird, mit seiner Arbeit selbst. Wenn ein Land, wie er einmal feststellt,
nichts produziert, kann nur umverteilt werden, was da ist, und diejenigen,
die es dabei zu etwas bringen, müssen es anderen wegnehmen. Das klingt
logisch, aber die Verhältnisse sind komplizierter, denn es sind ja
westliche Produkte, die da gepusht werden, und es halten westliche Auftrageber
das Ende der langen Kette, und sie sind es, die diese Verhältnisse
finanzieren - oder drosseln, wenn die Angeketteten nicht mitspielen. Unüberbietbar
ist der Einfall des Autors, die Echtheitswirkung der Politiker im Fernsehen
von der von den Amerikanern zugestandenen Taktrate der amerikanischen Rechner
im Lügenpalast abhängig zu machen, und es ist köstlich, wie
sich der Intellektuelle Girejew mit einem auf den Kopf gestellten Fernsehapparat
dagegen wehrt. Der Buddhismus kennt drei Arten fernzusehen - Girejew
noch zwei mehr.
Tartarski ist keine sympathische Figur, aber wenigstens kann er sich noch
wundern, zum Beispiel über eine Ausstellung ohne Ausstellungsstücke,
die lediglich den Erwerb der Ausstellungsstücke ausstellt (Beglaubigungen
von Notariaten mit deutschen Namen). "Es ist die allerneueste Tendenz
im Ausstellungsdesign", bestätigte Alla. "Monetaristischer
Minimalismus". Am Ende wird Tartarski erst nackt durch die Ausstellung
geführt, dann lässt man ihn für eine ihm unbekannte Zeremonie
in einen buschigen Rock schlüpfen und in ein künstliches Auge
schauen, während hinter ihm sein Chef ermordet wird. Nach dem Verbrechen
folgt die Beförderung. Er darf sich nun Liebhaber der Großen
Göttin nennen und sich (solange, bis er selbst ermordet wird) auf den
Chefsessel setzen. Dafür bekommt er mehr Dollars als je zuvor.
Tartarski muss noch viel lernen. Zum Beispiel begreift er noch nicht, warum
ihm niemand sagen kann, wer dieses Chaos regiert. Von welchem Fiesling
stammt das Script? - Die Antwort ist einfach, er muss sich nur fragen,
was ihn regiert.
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