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Am siebten Tage sollst du ruhen ...
Als Sabbath das Alter des Ruhestands erreicht, muss er feststellen, dass
er bei Null angekommen ist: kein Job, kein Geld, keine Gesundheit, keine
Familie. Was tut man in einem solchen Fall? Sabbath macht sich auf den
Weg zu seinem letzten Gönner Norman Cowan - und stößt
ihn vor den Kopf. Dem guten Norman bleibt nichts anderes übrig, als
Sabbath die Tür zu weisen.
Sabbath hat ein Faible für große Frauen. Erstens muss er das
wohl, weil er selbst etwas kurz geraten ist, zweitens will der Autor zeigen,
dass ein kleiner Mann für große Frauen attraktiv ist - und
mehr noch: dass ein alter, fetter, hässlicher Mann, der zwanzig Jahre
alte, abgewetzte Klamotten trägt, für junge Frauen unwiderstehlich
ist. Er muss nur deutlich genug auf seinen Trieb hinweisen und beharrlich
sein. Dass Sabbath über keinerlei Sensibilität verfügt,
wird als animalisch interpretiert und erhöht den Reiz noch zusätzlich.
(Was hat der Autor eigentlich für ein Frauenbild?) Im ganzen Roman
gibt es nicht eine Frau, die Sabbath die Meinung sagt, und auch nicht
eine, die sich ihm eindeutig und unmissverständlich verweigert. Die
Widerstandslosigkeit der Frauen macht einen Mann widerlich. Sabbaths Erfolg
beim anderen Geschlecht bestätigt sein sexualisiertes Weltbild, er
wird zu einem dirty old man.
Sabbath hat sein ganzes Leben auf Sex ausgerichtet, anderes ist ihm nebensächlich.
Da er sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, meint er, dass
alle, die nicht so triebhaft handeln wie er, sich etwas vormachen. Für
ihn sind Rücksichtnahme, Höflichkeit, Diskretion, Achtung der
Intimsphäre nur Anzeichen für falsche Sentimentalität,
verlogene Moral und heuchlerische Prüderie. Darum wühlt er in
der Unterwäsche fremder Leute. Darum glaubt er, alle Menschen entlarven
und belehren zu müssen. Diesem Zweck dienen seine Reden, seine Provokationen,
sein Theater, doch bei allem intellektuellen Scharfsinn, den er dabei
aufbietet, er verteidigt nur seine egozentrische Weltsicht, denn die Konventionen
der Gesellschaft sind ihm nicht zuwider, weil er sie für ungerecht
hält, sondern weil sie ihn bei seiner Lustbefriedigung behindern.
In der Entzugsklinik trifft er Madeline, die ihm seine schonungslosen
Fragen beantwortet, ohne sich zu schonen. Sie hat sich diese Fragen wohl
schon oft genug selbst beantwortet. Sie hat keinen Stolz mehr, den er
verletzen könnte, sie kann er nicht provozieren. Da gerät sogar
der wortgewaltige Peiniger Sabbath ins Staunen. Er bewundert ihren Intellekt,
und schon fährt ihm, der für jeden Reiz empfänglich ist,
diese Bewunderung in die Hose. Sofort zeigt er wieder seine verantwortungslose
Seite. Er beschafft der Alkoholabhängigen und Suizidgefährdeten
ein Liter Wodka. Gift für sie, Sex für ihn; dieser Deal wird
glücklicherweise von Wachmännern verhindert. Dass Sabbath mit
der Wodkaflasche seine Frau Rosie, die in der Klinik gerade einen Entzug
durchmacht, in Verdacht bringt und sie deswegen womöglich vorzeitig
entlassen wird, ist ihm vollkommen gleichgültig. Er hält sowieso
nichts von der Klinik; zynisch wettet er mit dem jungen Arzt Donald über
die Blutdruckwerte der Patienten.
Sabbath verletzt seine Frau nicht nur durch seine Reden. Er geht jahrelang
fremd und verursacht dann auch noch einen Skandal, der seine Frau im ganzen
Ort blamiert. Nach seiner unehrenhaften Entlassung lässt er sich
von ihr aushalten und bezahlt mit dem Geld seine Geliebten. Rosies Kinderwunsch
hat er zeitlebens rigoros abgelehnt, und jetzt sie zu alt. Rosie hat Gründe
genug, Trost im Alkohol zu suchen. Für Sabbath jedoch reduziert sich
seine Mitschuld an ihrer Sucht auf ein gewöhnliches Eheproblem. Sie
waren nicht die einzigen Eheleute auf der Welt, für die Mißtrauen
und wechselseitige Abneigung das unzerstörbare Fundament einer langjährigen
Verbindung bildeten. Nicht die einzigen, so einfach ist das. Und für
die Entzugsklinik reduziert sich Rosies Alkoholismus auf ein Vaterproblem.
Das ist genauso einfach. Arme Rosie!
Sabbath liest den Brief seiner Frau an ihren Vater (was geht ihn das eigentlich
an?) und antwortet ihr mit einem bösen Brief, unterzeichnet mit:
Dein Vater in der Hölle. Dad. Hier hat der Satan die Feder
geführt. Sabbath mag mit diesem Brief die abstrusen Erklärungen
theoriebesessener Psychotherapeuten verspotten wollen (er ist ja ein Verfechter
naheliegenderer Wahrheiten), tatsächlich jedoch verspottet er damit
nur seine verzweifelte Ehefrau.
Es gibt nicht viel, was man ihm zu Gute halten kann. Wenigstens besucht
er regelmäßig seine an Krebs leidende Geliebte Drenka im Krankenhaus,
obwohl sie nun nicht mehr attraktiv ist und ihm keine Lust mehr spenden
kann. Seine Trauer um seinen Bruder Morty ist aufrichtig, auch wenn sie
sich am Ende des Romans mit der sentimentalen Sehnsucht eines alten Mannes
nach seiner verlorenen Kindheit vermischt. Man muss auch sehen, dass er
als jugendlicher Matrose Frauen nur als Huren kennengelernt hat. Man kann
ihm sogar noch anrechnen, dass es ihm zeitlebens nie um Geld und Macht
gegangen ist. Doch sympathisch ist er deswegen nicht. Er ist zweifellos
eine tragische Figur, aber keine, die mich zu Tränen rührt.
Auch nicht am Ende des Romans, als seine Lage so aussichtlos wird, dass
er sterben will und er das Geld, das er gestohlen hat, dafür verwendet,
sich ein Grab in der Nähe seiner Eltern und seines Bruders zu kaufen.
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