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Malik Solanka hat alles, wovon die meisten nur träumen können:
Gesundheit, Intelligenz, Erfolg, Reichtum, berufliche Unabhängigkeit,
eine ihn liebende Ehefrau (fast ohne menschliche Fehler) und ein drolliges
Kind, das ständig nach ihm fragt. Woher kommt seine Wut? Der Roman
bietet dem Leser verschiedene Erklärungen an, doch einzeln erweisen
sie sich als unhaltbar. Man muss den Roman als Ganzes betrachten.
Natürlich kann die finanzielle Sicherheit und eine harmonische Ehe
so langweilig werden, dass man überempfindlich wird und schon wegen
einer etwas spitz geratenen Nebenbemerkung die Fassung verliert. Aber
deswegen nachts gleich mit einem Tranchiermesser ins Schlafzimmer schleichen?
Unglaubhaft.
Natürlich ist Malik enttäuscht, dass sein Braingirl als dummdreistes
Modepüppchen vermarktet wird. Aber kämpft er dagegen an, steckt
er dabei Demütigungen ein? Mitnichten. Er kämpft nur gegen die
eigene Wut an und steckt die Millionen ein. Das viele Geld sollte die
Wut doch ein wenig besänftigen können, oder?
Natürlich kann man sich vorstellen, dass ein Professor für politische
Philosophie (Ideengeschichte), der in Bombay aufgewachsen ist, die Welt
etwas anders sieht als die vergnügungssüchtige Upperclass in
New York. Aber warum zieht er, obwohl er die Lebenslügen des American
Way of Life durchschaut und heftig kritisiert, ausgerechnet da hin, wo
sie produziert werden? In ganz Indien, China, Afrika und weiten Teilen
des südamerikanischen Kontinents hätten die, welche die Muße
und das Portemonnaie für modische Dinge hatten - oder in den ärmeren
Breiten schlicht gesagt für den Erwerb von überhaupt irgendetwas
- für die in Manhattan auf der Straße angebotenen Waren genauso
gemordet wie für die abgelegten Kleider und bequemen Möbel,
... Amerika beleidigt den Rest des Planeten, dachte Solanka auf seine
altmodische Art, indem es dieser Opulenz mit der achselzuckenden Lässigkeit
der unverdient Reichen begegnet. Und er selbst? Er mietet sich eine
sündhaft teure zweigeschossige Wohnung auf der Upper-West-Side, verachtet
die amerikanische High Society und die Klatschpresse und ist mit dem Reporter
Jack Rhinehart befreundet, der nichts scheut, um in eben diese Kreise
aufgenommen zu werden. Mit seiner Putzfrau und dem alten Klempner dagegen
kommt Malik nicht klar. Was will er in New York? Seine Wut loswerden.
Doch wird man den Teufel los, indem man in die Hölle flüchtet?
Natürlich ist Vergewaltigung in der Kindheit eine Erfahrung, die
das ganze Leben prägen kann. Doch der erwachsene Malik hat kein gestörtes
Verhältnis zur Liebe, er genießt sie. Und er enttäuschte
sie niemals, ... der Sex war gut, war immer gut. Mit seinen
55 Jahren hat Malik erstaunlich viel Erfolg bei jungen und hübschen
Frauen. Als er der schönen Neela erzählt, was ihm sein Stiefvater
als Kind angetan hat, scheint seine Wut besiegt zu sein, frei nach dem
Motto: ist die schlimme Wahrheit erstmal raus, bleiben auch die schlimmen
Gefühle aus. - So werden traumatische Kindheitserfahrungen in amerikanischen
Seifenopern gelöst! - Natürlich ist das Ironie,
dachte ich. (Ich komme auf diesen Punkt nochmal zurück.)
Maliks Mutter, die vor lauter Schuldgefühlen nur weint, aber ihrem
Sohn nichts erklärt, treibt ihn dadurch erst recht in die Puppenwelt,
wo er zwar Rollen ausprobieren und selbst bestimmen kann, was geschieht,
aber mit seinen Problemen alleine bleibt. Als Kind baut er sich die Welt
zusammen, wie er will, und als Mann muss er erleben, dass andere ihn,
den Herrscher der Puppenwelt, entmachten, seinen Puppen fremde Rollen
zuweisen und ihr eigenes Spiel mit ihnen spielen. Das erzeugt Wut. Und
genau das: Entmachtung, Kulturentfremdung, Profitgier, das erzeugt Wut
auch bei denen, die nicht in ihrer Kindheit von ihrem Vater vergewaltigt
wurden. Diese Parallele muss man ziehen, sonst würden die Proportionen
des Romans nicht stimmen.
Schildert etwa der Autor über 300 Seiten lang die Dekadenz in allen
Facetten und Auswüchsen - man denke nur an die drei Teenies, die
aus purer Überspanntheit ermordet und skalpiert werden, wobei angeblich
eines der Mädchen, quasi als letzter Kick, das sogar noch selber
will -, nur deswegen, um dann auf wenigen Seiten die große Wut des
Malik Solanka allein seiner Kindheit anzulasten? - Als Kind missbraucht,
aha, das erklärt natürlich alles! Seine gestörte Sichtweise
ist das Problem, nicht die Wirklichkeit. Wer kritisiert, muss krank sein.
- So ist das ganz gewiss nicht gemeint. Salman Rushdie ist kein Befürworter
der Individualisierung gesellschaftlicher Missstände (auch wenn ein
Romanschreiber normalerweise Individuen in den Vordergrund stellt).
Widersprüchliches. Fast den ganzen Roman hindurch ärgert sich
Malik darüber, was die Vermarktung aus seinem Braingirl gemacht hat,
um sich dann plötzlich voller Begeisterung in das nächste Projekt
zu stürzen und virtuelle Marionetten fürs Internet zu entwerfen.
Malik muss sich das noch nicht mal überlegen: Wir machen's. Also
los. Wie passt das zusammen? - Vielleicht meint Malik, diesmal nicht
ohnmächtig zuschauen zu müssen, wie ihm seine Puppen nachträglich
entfremdet werden, weil er glaubt, (mit Mila und ihren Freunden zusammen)
das Spiel diesmal selbst bestimmen zu können. Ganz deutlich wird
das allerdings nicht. Genauso gut ist es möglich, dass Malik erneut
enttäuscht wird, und dann, da war ich mir zunächst ganz sicher,
kommt auch die Wut wieder.
Seltsamerweise kommt die Wut jedoch nicht wieder, nicht einmal als
Malik in Lilliput-Blefuscu entdeckt, dass seine Puppengesichter dort als
Masken getragen werden, um die Macht des Commander Akasz - das Recht des
Stärkeren - zu symbolisieren. Es scheint ihn sogar ein wenig zu amüsieren,
dass seine Science-Fiction-Geschichte von einem Tyrannen missbraucht wird.
Warum ist er so wütend, als ihm Braingirl entfremdet wird, und so
gelassen, als das auch mit seinem Professor Kronos passiert? Ist er also
doch von Neela nach Seifenopernart geheilt
worden? Im Fragebogen geht's weiter.
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