|
Der Vorleser in Schlinks Roman liest über viele Jahre hinweg nur
einer Person vor und schickt ihr die besprochenen Kassetten zu, ein beachtlicher
Dienst, aber unpersönlich. Er bringt es nicht fertig, sie zu besuchen
und mit ihr zu sprechen, was viel naheliegender wäre. Auch auf den
Kassetten übermittelt er nichts Persönliches. Ich las den
Titel vor, den Namen des Autors und den Text. Wenn der Text zu Ende war,
wartete ich einen Moment, klappte das Buch zu und drückte die Stop-Taste.
Nach dem 4. Jahr des wortreichen, wortkargen Kontaktes schreibt
sie ihm. Es ist das erste Mal, dass sie die Möglichkeit hat, mit
ihm Kontakt aufzunehmen, aber er antwortet nicht und schickt weiterhin
nur unpersönliche Kassetten. Das ist hart. Diese Art des Kontaktes,
so hilfreich er für Hanna ist, muss auf sie wie eine zusätzliche
Bestrafung wirken. Der Vorleser beruhigt sein Gewissen, indem er ihr diese
Nische in seinem Leben zubilligt, mehr jedoch nicht, dass sie im
Gefängnis sitzt, ist bequem für ihn. Wie kann man nur so herzlos
sein? Andrerseits, wie könnte man zu Hanna herzlich sein?
Hanna ist ja nicht nur selbst herzlos, sie ist zudem mitleidlos und skrupellos
- nicht allein wegen ihrer Verbrechen während der Nazizeit. Sie verführt
einen Minderjährigen, lässt zu, dass er sich bei einem gemeinsamen
Urlaub finanziell übernimmt, bringt ihn in zahlreiche Gewissenskonflikte,
erwidert die Offenheit und Naivität des Jungen mit Unehrlichkeit
und Verschlossenheit, demütigt ihn, schlägt ihn sogar mit einem
Ledergürtel und verschwindet ohne Abschied und Begründung. Schon
dafür hätte sie eine Bestrafung verdient. Was außer ihrem
Körper ist denn an ihr liebenswert? Die Nische, die ihr das Jungchen
einräumt, hat sie nicht verdient.
Wenigstens ist sie nicht auch noch durchtrieben, was aber auf mangelnder
Sensibilität beruht. Sie weiß nicht, wie sie sich vor Gericht
verhalten müsste und zeigt statt Reue trotzigen Stolz. Die Strafe,
die sie verbüßen muss, ist hart, sie mag gegenüber den
zahlreichen milden Urteilen, die Schreibtischtäter erhielten, nur
weil sie sich klüger verteidigen konnten, ungerecht sein, gegenüber
den grausamen Verbrechen ist sie es nicht. Der Richter versucht, zwischen
verschieden schweren Graden der Schuld zu differenzieren und bestraft
die vermeintliche Anführerin Hanna Schmitz strenger als die anderen
KZ-Aufseherinnen, doch die Beweislage ist schwach. Das Gericht kann der
Schuld im Dritten Reich mit allen seinen Verwicklungen, Zwängen,
Ängsten und Gewissensverbiegungen ohnehin nicht gerecht werden, es
wäre über Jahre hinweg mit nichts anderem beschäftigt und
am Ende trotzdem überfordert, deswegen ist das Strafmaß letztlich
willkürlich. Was geschehen ist, ist kaum vorstellbar, und für
solche schweren Verbrechen gibt es ohnehin keine angemessene Strafe, so
wenig wie es für die Opfer Genugtuung geben kann. Die letzte Überlebende
begnügt sich mit einer Teedose. Die Selbstgerechtigkeit des Richters
ist bedenklich.
Das ungleiche Liebespaar geht ein paar Monate zusammen ins Bett, alles
andere ist unmöglich, keine Partnerschaft, keine Zukunft, nicht mal
ein ehrliches Gespräch - eine trostlose Liebesgeschichte. Hannas
Leben ist noch trostloser: Verbrechen, Strafe, Einsamkeit, Tod. In diesem
Roman gibt es nur schwache Lichtblicke:
Die Nische für Hanna ist demütigend, aber auch eine Gnade. Sie
ermöglicht ihr, Lesen zu lernen und sich mehr mit der Vergangenheit
zu befassen, als sie nur zu verscheuchen. Sie ist mit der Strafe
einverstanden, sie möchte sühnen. Doch weil sie mit niemandem
über ihre Schuld sprechen kann (und dies auch nicht versucht), wird
sie nicht fertig damit. Sie glaubt, nur den Toten Rechenschaft schuldig
zu sein, und das ist, selbst wenn dies nur eine Schutzbehauptung gegen
die Vorwürfe der Lebenden sein sollte, entschieden zu wenig. Denn
neben den Toten gibt es auch die verletzt Überlebenden, die Trauernden,
die an den Folgen Leidenden, die unschuldig Betroffenen - und das Jungchen.
Ein anderer schwacher Lichtblick ist die Güte. Als Michael Berg Hannas
Wunsch entsprechend der letzten Überlebenden die Ersparnisse anbietet,
damit sie entscheide, was damit geschehen soll, lehnt diese ab. Sie will
Hanna Schmitz nicht die Absolution erteilen. Berg erklärt ihr, dass
Hanna nicht nur sühnen, sondern ihrem Gefängnisaufenthalt einen
Sinn geben wollte. Er fragt sie: Können Sie ihr (Hanna) nicht
die Anerkennung ohne die Absolution geben? Nachdem sie erfährt,
dass auch Michael Berg in gewisser Weise ein Opfer von Hanna Schmitz ist,
lacht sie: Sie können ja, wenn Ihnen die Anerkennung sehr wichtig
ist, das Geld im Namen von Hanna Schmitz überweisen. Sie hätte
das zwar nicht verhindern können, es stünde ihr auch nicht zu,
denn sie kann ja nicht stellvertretend für die anderen Opfer sprechen,
aber immerhin erspart sie ihm damit einen weiteren Konflikt.
Die Schuldigen sühnen, die Opfer sind gütig und die Unschuldigen
vermitteln. Manchmal geht es, anders geht es nicht.
|