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Mit Flucht wird nicht nur die Tätigkeit des Fliehens, sondern auch der
Weg (entlang einer Gebäudereihe) oder der Ausweg (die Flucht zwischen
zwei Häusern) bezeichnet. Gewohnheiten haben die Tendenz, sich zu verfestigen
wie Mauern, sie behindern den Zugang wie den Ausgang. Die Mauern der Gewohnheit
sind trügerische Zufluchten. Die Protagonisten in den Erzählungen versuchen
aus der Enge ihrer Situation auszubrechen, oft zu spät und mit schlimmen
Konsequenzen, und immer überraschend für andere. In Schlinks Liebesfluchten
fliehen keine Liebespaare, sondern Einzelpersonen, nicht die romantische
Vorstellung von der einzig wahren und großen Liebe ist der Grund, sondern
die Unzufriedenheit über erkaltete Beziehungen, die Enttäuschung über
nicht wahrgenommene Chancen.
Das Mädchen mit der Eidechse.
Das Bild, das im Jungen die Sehnsucht nach weiblicher Zärtlichkeit weckte,
wird dem Studenten zum Balast. Seine Beziehungen scheitern, weil die wirklichen
Frauen nicht zu der romantischen Vorstellung passen, die er - beeinflusst
durch das Gemälde - von der Liebe hat. Zudem muss er vermuten, dass sein
Vater das Gemälde dem jüdischen Maler Dalheim während der Nazizeit abgepresst
hat. Mit der Vernichtung des Bildes befreit sich der Student von der Vergangenheit
und schafft Platz für unbelastete Erfahrungen. Es ist auch eine Entscheidung
für die Liebe. Doch sie ist schwerwiegender, als er meint.
Der Seitensprung.
Der Unabhängige kann nicht erwarten, dass der Abhängige seine Probleme
mit ihm teilt, als befänden sie sich in der gleichen Lage. Die Einseitigkeit
der Freundschaft ist unvermeidlich, denn der Abhängige kann dem Unabhängigen
kaum helfen, es geht umgekehrt. Übernimmt der Unabhängige Verpflichtungen,
verliert er seine Unabhängigkeit, tut er es nicht, verliert er die Freundschaft.
Unsere Beziehung sollte eine Freundschafts-, keine Austauschbeziehung
sein. Wir sollten einfach Menschen sein. Das klingt nach hehren Idealen,
aber so kann nur jemand sprechen, der unabhängig ist. Doch auch der Freund
aus dem Westen gerät in das Netz der Bespitzelungen im Osten. Die Personen
können sich den Verhältnissen nicht entziehen, alles was sie tun und sagen,
hat neben der privaten auch eine politische Bedeutung. Auch ein gewöhnlicher
Seitensprung bekommt eine zusätzliche Dimension: Paula flieht auf diese
Weise nicht nur vor den Komplikationen ihrer Ehe, sondern auch vor denen
der Diktatur, und der Beglückte weiß nicht, ob er als Mann begehrt oder
nur benutzt wird. Nachdem die Diktatur beseitigt und die Bespitzelung
abgeschafft ist, müsste die Freundschaft leichter sein, aber das
Gegenteil ist der Fall. Der Kontakt bricht ab, weil die Offenheit, die
vorher nicht möglich war, nun verletzend wäre. Die Vergangenheit
ist kompliziert, die Zukunft erscheint einfach. Julias altkluge Erklärung
lässt hoffen.
Der Andere.
Die Fröhlichkeit, die sie ihm gegeben hatte, war keine geringere, sondern
gerade die, der sich sein schwerfälliges und griesgrämiges Herz öffnen
konnte. Sie hatte ihm nichts vorenthalten. Sie hatte ihm alles gegeben,
was er zu nehmen fähig gewesen war. Um zu dieser Einsicht zu gelangen,
muss der Witwer seine geordnete Welt verlassen - wie vordem Lisa. Sie
hat mitunter die Flucht ergriffen vor der geordneten Welt ihres Gatten,
weil der Nebenbuhler etwas bietet, das der Ehemann nicht bieten kann,
auch wenn er nur ein Blender, ein Versager, ein Schwätzer und Schmarotzer
ist. Doch Lisas Verhältnis mit diesem Mann endet nicht erwartungsgemäß
in der Enttäuschung, sondern dauert über viele Jahre hinweg und kostet
ihr ein Vermögen. Und das nur, weil er alles viel schöner findet
als ihr Ehemann, also auch sie selbst? Gibt er ihrer Fröhlichkeit
Nahrung, stimuliert er ihr Geigenspiel? Der Leser erfährt es nicht,
denn der nachforschende Witwer begnügt sich damit herauszufinden, ob sie
ihm etwas vorenthalten hat, statt sich zu fragen, was er ihr vorenthalten
hat.
Zuckererbsen.
Wer seine Zeit nur aufteilt, anstatt sie zu teilen, der hat nicht viel
zu bieten. Zuckererbsen für alle! klingt gut, aber gelingt nur, wenn
alle mitmachen. Wenn nur einer verteilt, bleiben auf Dauer für jeden
nur ein paar Zuckererbsen übrig, und am Ende bleibt auch ihm nicht
mehr.
Die Beschneidung.
Symbolische Handlungen ändern keine Weltanschauung und ersetzen auch nicht
die Auseinandersetzung darüber. Das ist so selbstverständlich, wie Andis
Beschneidung lächerlich ist. Und doch wird diese simple Tatsache in der
Politik oft ignoriert, weil Weltanschauungen unveränderlich erscheinen
und die Auseinandersetzungen langwierig und schwierig sind. Die Liebe
zwischen Andi und Sarah ist nicht stark genug, um auf privater Ebene zu
leisten, was die Öffentlichkeit nicht schafft.
Der Sohn.
Statt dem vom Krieg verwüsteten Land eine Friedenstruppe zu schicken,
entsendet man nur ein paar Beobachter als Friedensapostel. Vermutlich
gehört der Professor für Völkerrecht zu denen, die solche faulen Kompromisse
formulieren. Er hatte schon für verschiedene internationale Organisationen
gearbeitet, in Komitees gesessen, Berichte abgefaßt und Abkommen entworfen.
Am Ende seines Lebens kommt sich vor wie ein Scharlatan, der sich
der Wirklichkeit nicht stellt. Auch seinem Sohn gegenüber fühlt er
sich schuldig, weil er nicht um ihn gekämpft hat. Jetzt ist es zu spät.
Sein ich hab dich lieb, mein Junge ist beiden nur peinlich. Wegen
diesem Schuldgefühl erklärt er sich bereit zu der riskanten Mission.
Doch dabei wird er nun selbst Opfer eines faulen Kompromisses.
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