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Die Zukunft ist wahrscheinlich, aber nicht zwingend, die Einbildungskraft
reicht nicht aus, sie einzufangen. Der Autor spekuliert nicht, die Zukunft
ist nicht sein Thema, außer wenn sie die Gegenwart bedroht (wie
die Lastwagenkette, die an dem idyllischen Ort Dukla vorbeirauscht und
westliche Waren und Werte liefert, oder wie das Fernsehprogramm, das Fenster
zur Welt der Schönen und Reichen, das die eigene Welt so grau erscheinen
lässt).
Die Gegenwart ist am schwächsten, sie verdirbt und verfällt
am schnellsten. Deswegen versucht sie der Icherzähler mit allen
seinen Sinnen wahrzunehmen, in Sprache zu fassen und als Erinnerung zu
bewahren, denn nur das Bezeichnete bleibt.
Von der Vergangenheit ist nur das zu sehen, was Gestalt angenommen hat,
fertige Form. Wie sie wirklich war, weiß man nicht. Die Vergangenheit
ist die Vergangenheit der Erinnerungen (und der unzuverlässigen
Interpretation dieser Erinnerungen).
Der Erzähler gesteht: Schon seit langem scheint mir, das einzige,
was zu beschreiben sich lohnt, ist das Licht, seine Abarten und seine
Ewigkeit. Handlungen interessieren mich weit weniger. Ich kann sie mir
schlecht merken. Sie bilden zufällige Ketten, die grundlos reißen
und ohne Ursache beginnen, um unvermittelt wieder zu brechen. Der
Erzähler misstraut dem Verstand, denn der ist geübt im Anstückeln,
im Zusammenheften, im Bilden von Sequenzen.
Wenn schon zu Beginn eines Buches (bei meiner Ausgabe nach 21 Seiten)
der Erzähler sich dermaßen beschränkt, darf man keinen
Roman erwarten, jedenfalls nicht einen über einzelne Menschen mit
ihren Illussionen, Motiven und Taten und den sich daraus ergebenden Verwicklungen.
Wenn Zukunft als unvorstellbar, Vergangenheit als unzuverlässig und
Handlungen als zufällig abgetan werden und nur noch das Licht, das
die Gegenwart beleuchtet, interessiert, bleibt kein Spielraum mehr für
Individuen, da richtet sich der Blick auf die Menschheit, die Welt, die
Ewigkeit. - Das ist kein Grund zur Kritik! Es macht sogar Spaß,
ein Buch zu lesen, das auf seinen Inhalt und seine Sprache vertraut und
weder eine spannende Story einflechtet, um gelesen zu werden, noch Sprache
und Form (selbstverliebt) verkünstelt, um (dann beleidigt) nicht
gelesen zu werden. - Der Verlag scheint sich nicht entscheiden zu können,
wie er diese Prosa bezeichnen soll; auf dem Titelblatt steht Roman, auf
dem Umschlag nicht.
Die Welt hinter Dukla lebt in der Vergangenheit, die westliche Zukunft
hat die Idylle bisher nur gestreift, nicht zerstört. Der arme Kuhhirte
Wasyl Padwa verliert drei Mal unter unglücklichen Umständen
sein vom Mund abgespartes Geld, ehe er einsieht, dass es sich nicht lohnt,
in die Zukunft zu investieren. Die Leute lachten wie immer, und Padwa
... wurde so wie alle anderen. Hinter Dukla wird eben noch nicht an
der Börse gezockt. - Die Großmutter des Erzählers glaubt
an Geister und niemand versucht, ihr das auszureden, denn die Großmutter
leidet nicht darunter. Sie will sich auch nicht wichtigmachen damit; die
Geister sind ehemalige Bekannte und Verwandte, die sie besuchen. Die Großmutter
lebt halt noch ein wenig mehr in der Vergangenheit als die anderen, das
ist kein Grund zur Sorge.
Stillstand und Langeweile? Keineswegs. Die Jahreszeiten und das Wetter
sorgen für Abwechslung; sie prägen die Landschaft und ihre Bewohner,
und zwar Menschen und Tiere, da sie dort noch nicht gänzlich getrennt
voneinander leben. Stasiuk realisiert sein Vorhaben und beschreibt diese
Welt in allen Abarten des Lichts; sie wird zu einem Phänomen. Dass
die Erscheinungen nicht nur ästhethisch von Bedeutung sind, beweisen
die oft grausigen Funde in der Tierwelt. Bei jedem seiner Besuche macht
er Entdeckungen, und die präzisen Schilderungen seiner Sinneswahrnehmungen
rufen vergessene, eigene Entdeckungen wieder ins Bewusstsein zurück.
Bei mir ist das zum Beispiel die Massenwanderung von Fröschen über
eine Wiese.
Die Ansichten der Landschaft veranlassen den Erzähler zu seinen Ansichten
über die Welt. Er würde Dukla am liebsten vor der Verwestlichung
bewahren und konservieren. Als Dukla anlässlich einer Heiligenverehrung
einmal zu einer Touristenattraktion wird, empfindet der Erzähler
Trauer, denn Dukla lässt sich nicht zerstören und von neuem
aufbauen. Eintrittskarten für Dukla. Einheimische sehen aus wie Zugereiste.
Aber ist der Erzähler nicht selbst nur ein Zugereister, ein Tourist?
Er muss hier nicht leben. (Ich meine den Erzähler im Buch, nicht
den Autor!)
Anmerkung: Der Autor wohnt in einem Ort aus kaum mehr als
10 Häusern am südöstlichen Zipfel Polens. Dünn besiedeltes
Hügelland. Es gibt dort keine Touristen, noch nicht mal ein Ortsschild.
(Entnommen aus: Zeitschrift Literaturen, das Journal für Bücher
und Themen, Jahrgang 10/2000, Seite 133)
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