Uwe Timm: Rot
Der Icherzähler stirbt auf der ersten Seite des Romans. Damit ist
klar, dass alles, was uns der Icherzähler noch erzählen kann,
Rückblenden sein müssen. Der Leser weiß, wie es ausgeht,
er kann nicht mehr mit dem Erzähler zusammen hoffen und bangen. Die
Illusion des Miterlebens ist dahin, weil die erzählte Zeit beendet
ist, bevor die Erzählung beginnt. Zudem kommt der Icherzähler
nicht unter mysteriösen Umständen um, die aufzudecken Spannung
verspräche, sondern durch einen banalen Verkehrsunfall, den er zudem
auch noch selbst verursacht, indem er bei Rot über die Straße
geht. Bei einem Unfall aus Unachtsamkeit gibt es nicht viel aufzudecken.
Oder doch? Immerhin ist ein Päckchen Sprengstoff aus der Aktentasche
herausgeflogen. Soll hier die Entwicklung zu einem Terroristen erzählt
werden?
Die Sache mit dem Sprengstoff zieht sich zwar wie ein roter Faden durch
den Roman, erweist sich aber nicht als das Energiepaket, das die Geschichte
vorantreibt. Der Sprengstoff ist nur eine Spur, ein Relikt aus alten Tagen
(übrigens weit ungefährlicher als eine rostige Fliegerbombe
aus dem zweiten Weltkrieg). Die Geschichte, die hier erzählt wird,
ist eine Spurensuche nach einer verlorenen Zeit.
Thomas Linde trägt zwar ein Päckchen Sprengstoff in seiner Aktentasche
mit sich herum, verfolgt aber keine politischen Ziele mehr, er strebt
auch nicht nach Erfolg, Macht oder Geld. Auch als Liebhaber fordert er
nichts, er genießt, was ihm geschenkt wird. Wir lernen ihn als einen
einfühlsamen und ausgeglichenen Menschen mit viel Lebenserfahrung
kennen. Aus dem Wörterbuch: lind bedeutet mild, sanft, weich. - Als
Beerdigungsredner lebt Thomas zwar oft im Schatten der Vergangenheit,
aber er lässt auch den Schein der Gegenwart zu. Die Linde ist ein
Baum, der viel Schatten wirft und trotzdem viel Licht durchlässt.
Seine Freundin Iris ist ein Augenmensch, ein besonders empfindlicher sogar,
eine Lichtkünstlerin. Iris gehört der jüngeren Generation
an, die Vergangenheit ist für sie interessant, um ihren Freund zu
verstehen, aber kein Anlass zur Nostalgie. Ihre Kunst beleuchtet die Gegenwart.
(Bei ihrem Beruf liegt das natürlich nahe, aber so profan ist es
nicht gemeint.) Die Art der Kunst wirft immer auch ein Licht auf die Gegenwart,
weil jede Zeit ihre eigene Kunst hervorbringt. Die Lichtkunst von Iris
passt zu der Gegenwart, weil sie wie die Gegenwart für den Augenblick
gemacht ist, nicht für die Zukunft. Die Lichtinstallationen dienen
der Illusion wie die politischen Veranstaltungen der Augenwischerei, der
Umbau der Realität geschieht im Dunklen. Interessant ist, was das
Licht beleuchtet, nicht das Licht selbst. Der Kunde, der sich von Iris
einen künstlichen Sternenhimmel über seinem Bett einrichten
lässt, hat einen schlechten Geschmack. Sein Himmelbett ist auf Dauer
so langweilig wie ein Foto, auf dem nur ein Feuerwerk auf schwarzem Hintergrund
zu sehen ist. Ein Feuerwerk wirkt, solange es explodiert und erlischt.
Nur Aschenbrenner brennt noch, obwohl das Feuer schon längst erloschen
ist. Die Gefahr des Schwelbrandes wird zwar oft unterschätzt, so
auch der Altrevoluzzer Aschenbrenner, doch der Funke springt nicht mehr
über, der Denker kommt nicht mehr zur Tat. Friede seiner Asche.
Sehr verehrte Trauergemeinde. Wer ist damit gemeint? Die Altachtundsechziger,
die bei diesem Buch mit Wehmut an ihre Jugendzeit zurückdenken? Gibt
es die überhaupt noch? Sind ihnen ihre damaligen Aktionen nicht eher
peinlich? Haben sie sich nicht alle um 180 Grad gedreht, sich den Verhältnissen
angepasst und dann die als schlecht erkannten Verhältnisse noch weiter
verschlechtert? Oder sind die jüngeren Leser gemeint, die sich von
den witzigen Anekdoten des Icherzählers und seiner unzeitgemäßen
Lebensweise verabschieden müssen? Das wäre anmaßend. Vielleicht
ist sehr veehrte Trauergemeinde ja ironisch gemeint, weil niemand
Grund zur Trauer hat. Für wen ist dieses Buch dann aber geschrieben?
Nun, für alle, die der Trauerrede ihre Aufmerksamkeit widmen, den
Lesern. Eine gute Trauerrede richtet sich ja - im Gegensatz zu einer heuchlerischen
- an alle Anwesenden, sie spendet den Trauernden Trost und schenkt den
Unbeteiligten Ernst. Sie berichtet vom Schicksal und verschweigt auch
nicht das falsch geführte Leben, verurteilt aber nicht.
Einen ganzen Roman als Trauerrede zu schreiben ist ein genialer Einfall,
zumal wenn nicht einer Person, sondern einer Vergangenheit gedacht werden
soll. Andrerseits besteht die Gefahr, dass der Redner der Aufforderung
folgt: Machen Sie es ein bißchen nett! Nicht alle Leser
haben jene Jahre der Überheblichkeit und Aufbruchstimmung im Widerpart
zu Kleinmut und Autoritätsgläubigkeit miterlebt. Wer kann sich
in in der Gegenwart noch eine Vergangenheit vorstellen, die ganz auf die
Zukunft ausgerichtet war? Würde diese Zeit nicht verständlicher,
wenn der Roman ganz konventionell aus der damaligen Sicht geschrieben
wäre? Vermutlich ja. Andrerseits ist der Roman kein Formexperiment
aus purer Spielfreude, es besteht wirklich Anlass, eine Trauerrede zu
halten. Ein Beispiel:
In Aschenbergers Kellerwohnung lag noch immer, wie auf einer Müllkippe,
dieser Bücherhaufen, verknickt, aufgeblättert, die Buchrücken
aufgesprungen, zerdrückt, eingerissen. Thomas Linde bückte
sich und hob eines der Bücher auf. Spuren, Ernst Bloch. -
Einen Moment später kommt ein Wohnungsauflöser ins Zimmer. Können
sich ruhig bedienen, die guten sind schon aussortiert, sagte der Mann
...
Als Ergänzung zu dieser Textstelle ein Ereignis von 1965:
Ein achtzig Jahre alter Greis schreitet mit schweren Schritten ans Katheder.
Mit seiner etwas nuschelnden, knurrenden Stimme ist er für die Studenten
nicht leicht zu verstehen, zumal seine Sprache poetisch durchdrungen ist
und sein Thema schwer zu erfassen. Doch konträr seine Rede: voll
jugendlichem Enthusiasmus. Nach ein paar Sätzen ergreift die Zuhörer
Begeisterung. Tosender Applaus. Das Thema des alten Mannes: das Utopische.
Der Redner war der Philosoph Ernst Bloch. Er versuchte aus den Märchen
und Mythen und den Utopien der Menschheit das Konkrete zu ermitteln, das
zu Hoffnung berechtigt. Bloch pflegte sich auch jederzeit zu politisch
aktuellen Fragen zu äußern und das pointiert und ohne falsche
Rücksichtnahmen. Neben dem gewaltigen philosophischen Werk hat er
auch ein schmales Büchlein mit Erzählungen hinterlassen, eine
Perle für nachdenkliche Leser. Dieses Büchlein enthält
wesentliche Aspekte seines philosophischen Denkens in literarischer Form:
Spuren. (Gemeint sind natürlich die Spuren des Zukünftigen.)
Etwas fehlt. Das ist eine Redewendung von Ernst Bloch. Die Gegenwart mag
ohne das Morgenrot der konkreten Utopie auskommen. Doch wer einmal für
Rot war, muss rückblickend kein Tor gewesen sein. Die Jugend der
Achtundsechziger ist nicht verloren, weil sie vorbei ist. Verloren aber
ist der jugendliche Enthusiamus, angefeuert von der Hoffnung auf eine
lebenswertere Welt. Das fehlt. Das ist der Grund, warum dieser Roman als
Trauerrede verfasst ist.
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