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Die Ich-Erzählerin hält sich sehr zurück, wenn sie etwas
sieht, was sie lieber nicht sehen will. Dabei ist das der Grund, warum
sie nicht nur ein bisschen, sondern richtig weggeht: weil die Sachen,
die ich lieber nicht gesehen hätte, immer mehr und mehr wurden und
ich immer mehr Zeit damit zubringen mußte, sie nicht gesehen zu
haben. Was sind denn das für Sachen?
Dass die Grundschullehrerinnen (alle?) Weizenkleie und Vorzugsmilch im
Reformhaus kaufen und ungespritztes Gemüse auf dem Markt? Dass der
Postbote (immer?) Einschreibesendungen nicht aushändigt und stattdessen
eine Benachrichtigung in den Briefkasten wirft? Oder dass die Leute (berechtigterweise?)
sagen, man traut sich schon gar nicht mehr in die U-Bahn oder ins Parkhaus?
Die Erzählerin deutet vieles an, aber zeigt es nicht. Sie sagt: Alle
waren unzufrieden und schlecht gelaunt...
Minck ist so ein Typ. Er jammert, dass seine Gedichte zu wenig Leser finden
und macht dafür mafiöse Strukturen verantwortlich, obwohl er
wissen müsste, das alle Gedichte nur wenige Leser finden. Er verschickt
schlecht gemachte (und daher bestimmt auch recht billige) Kunstkarten
ausgerechnet an eine Frau, deren Beruf es ist, über Kunst zu schreiben.
Er hätte ihr einen Brief mit einem selbstverfassten Gedicht schicken
können, denn das kann er, und das kostet auch nicht mehr. Aber ganz
so arm ist der arme Dichter dann doch nicht, sonst würde er sie nicht
zu dem teuren, weißen Whisky einladen. Er hätte ihr stattdessen
einen normalen Whisky spendieren und eine Rose bei einem der Inder kaufen
sollen. Minck ist alles andere als aufmerksam, aber ein Ekel er nicht.
Vom Lembek erfahren wir nur, dass er alles durcheinander redet. Er ist
wohl ein bisschen verliebt, bleibt aber beim Sie. Erst sagt er, gut dass
Sie da sind, und später, gut, dass Sie weggehen. Ob er sich von seiner
Frau oder - aus alter Gewohnheit - von der Stasi beobachtet fühlt
oder sonst einen Grund hat zu fürchten, mit der Erzählerin zusammen
gesehen zu werden, bleibt unklar. Er ist weder schlecht gelaunt, noch
ist er unzufrieden, er ist nur etwas ängstlich und weiß nicht,
was er will. Er ist sicher ein wenig traurig, dass die Erzählerin
nach Frankreich zieht, andrerseits auch wieder erleichtert ...
Dass Silvana nicht gut gelaunt ist, als sie mit der Erzählerin telefoniert,
kann man verstehen, denn bei ihr ist eingebrochen worden. Die Erzählerin
sagt, ihr seid doch bestimmt versichert, worauf Silvana sagt, klar,
aber trotzdem, und die Erzählerin sagt, klar. Doch das
einzige, was ich hier klar finde, ist, dass Silvana nach einem solchen
klar momentan keine Lust verspürt, sich mit der Erzählerin,
die ja bald abreist, zu verabreden.
Gemeint ist vielleicht folgendes: Die Erzählerin nimmt an, dass
Silvana und Ferdy versichert sind, weil das hier so üblich ist, und
während sie ihren Schlüssel außen an ihrer Wohnungstür
stecken lässt, was unüblich ist, regen sich die beiden über
den Verlust von Gegenständen auf, obwohl sie versichert sind. Möglicherweise
ist mit dem Verlust auch ein Wertverlust verbunden, weil nicht alles zum
aktuellen Kaufpreis erstattet wird, und dann muss, einfach weil es üblich
ist, stets das Maximale herauszuholen, der Rechtsweg beschritten werden,
und das ist natürlich, weil zeitaufwändig, unangenehm. Und gegen
diese Unannehmlichkeit sind sie nicht versichert. Wenn die Autorin das
beschrieben hätte, wüsste der Leser, dass Silvana und Ferdy
kleinkariert sind, so aber kann er es nur ahnen.
Das Beispiel zeigt allerdings eher, dass der Erzählerin vor lauter
Vorurteile das Einfühlungsvermögen abhanden gekommen ist. Denn
bei einem Einbruch geht es ja nicht nur ums Geld! Es geht auch um Furcht.
Schließlich weiß man jetzt mit Bestimmtheit, dass man vor
Einbrechern nicht gefeit ist, und dann lässt sich auch eine so sinnlose
Frage nicht vermeiden, ob man beim nächsten Einbruch, wäre man
zu Hause, mit heiler Haut davonkäme. - Auch finde ich nicht, das
Gegenstände einfach ersetzt werden können. An manchem Sachen
hängen Erinnerungen, auch wenn es "nur" Apparate
sind, ganz zu schweigen davon, wie lange man arbeiten muss, einen neuen
Computer wieder so einzurichten, wie man ihn braucht, und wenn man keine
aktuelle Sicherung in der Schublade hat, dann sind mit dem Computer auch
die Daten weg. Was würde denn die Autorin empfinden, wenn auf diese
Weise ihr Roman verschwände und ihr dann eine Freundin am Telefon
sagte, du bist doch bestimmt versichert?
Treffend dagegen ist die Szene bei der Oma. Das Kind erklärt, wie
es seine Hose aufschlitzt, und die Oma näht über Nacht einen
Flicken auf den Riss. Am Ende heulen sie beide darüber. Die Mutter
hält sich weise zurück. Der Trotz des Kindes ist der Verbohrtheit
seiner Oma doch recht ähnlich, oder?
Es ist äußerst schwierig, als Ich-Erzähler die eigene
Auswanderung mit der Mentalität der Gesellschaft zu begründen,
weil ein Ich-Erzähler nur beschränktes Wissen und nur eine bestimmte
Sicht haben kann und deshalb dazu neigt, unbewiesene Behauptungen aufzustellen
oder zarte Andeutungen zu machen, damit aber nur die Vorurteile Gleichgesinnter
bedient. Auch mit ein paar Karikaturen als Vertreter der Gesellschaft
ist es nicht getan, weil die in eine Satire gehören, nicht in einen
realistischen Roman. Für Karikaturen halte ich die beiden Urlauber,
die sich bei der Erzählerin, die sie nicht mal kennen, uneingeladen
einnisten, nur weil sie keinen freien Campingplatz gefunden haben. Das
Recht dazu leiten sie von einer gemeinsamen Bekannten ab. Realistischer
hätte ich es gefunden, wenn die beiden - vielleicht wegen eines Autoschadens
- erst ganz höflich um eine Übernachtungsmöglichkeit gebeten
und sich erst danach auf ihre unverschämte Art breitgemacht hätten.
Dabei wäre diese Übertreibung gar nicht nötig gewesen,
die Autorin hat andere Möglichkeiten.
Die Wahlheimat der Erzählerin ist kein Paradies. Gewitter, Regengüsse,
Stürme und gefährliche Waldbrände verlangen von den Bewohnern
viel Gleichmut und Hinnahmebereitschaft, anders kann man dort nicht leben.
Vielleicht sind die Leute deswegen so tolerant. Jammern und Meckern ist
lächerlich, wenn man außer sich selbst niemandem die Schuld
zuschieben kann, wie die Urlauber am Fluss, wenn sie über die Kieselsteine
schimpfen. Erst hier in Frankreich wird deutlich, was der Erzählerin
in Berlin missfallen hat. Der Unterschied spricht für sich, nicht
irgendwelche Andeutungen oder Übertreibungen.
Sie erzählt nur, was sie sieht, sie beschreibt, was geschieht. Zum
Beispiel schildert sie ein Dorffest, bei dem sich niemand daran stört,
dass der Hund unter die Sitzbank pinkelt. Genausowenig stört es die
Teisseires, als der Hund an ihnen hochspringt. Es ist halt ein Hund. Dort
auf dem Land ist noch Platz für undressierte Hunde und nicht kastrierte
Katzen, und die Erzählerin begreift, dass man einer Katze auch helfen
kann, wenn sie einem nicht gehört. Der Postbote ist freundlich und
die Lehrerin kein Gesundheitsapologet. Aus dem Kind wird Nico, weil es
nicht Nicola heißen mag, aber in Wirklichkeit heißt es ganz
anders. So haben wir uns das eigentlich nicht gedacht, als wir dir
deinen Namen gegeben haben, sagt René und belässt es dabei,
während ein anderer sich womöglich in der Schule beschwert hätte.
Und so erfährt der Leser ganz nebenbei, das René nicht nur
ein guter Freund, sondern vermutlich auch der Vater ist.
Doch auch in Südfrankreich sind nicht alle Leute so gelassen wie
René und so nett wie die Teisseires, so natürlich wie die
Lehrerin und so höflich wie der Postbote. Vielleicht ist es ganz
gut, dass der Roman endet, bevor die Erzählerin wieder etwas sieht,
was sie lieber nicht gesehen hätte.
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