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Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, nur vereinigen können
sie sich nicht. Die Autorin bringt häufig Gegensätzliches zusammen.
Doch was in der Sprache so fruchtbar ist, weil man, um den Widerspruch
aus der Welt zu schaffen, darüber nachdenken muss, bewirkt bei der
Liebe eher das Gegenteil, besonders dann, wenn man darüber nachdenken
muss. Der Reiz des Gegensätzlichen ist zu wenig, und ein Reiz, der
zu lange dauert, endet immer in der Enttäuschung.
Als Jugendlicher ist Nadan wohl einfach zu schüchteren, zumindest
gegenüber Alberta, und Alberta ist nicht bereit, den ersten Schritt
zu tun. Während sie sich schon bis zum Ekel abtörnt, sucht er
vermutlich noch nach einem Anfang, der Enttäuschung ausschließt.
Sie sieht den Milchmond, er die Finsterniss. Möglicherweise ist das
der Anlass, dass er später ausgerechnet Astrophysiker wird und in
einem Observatorium arbeitet, als ließe sich seine Sehschwäche
in jener finstren Nacht durch eine andere Art von Sehstärke wieder
wettmachen. Das klingt weit hergeholt, aber Nadan meint es ernst. Er lässt
(mit dem Geld seiner Eltern) ein Haus bauen, sogar drei Kinderzimmer hat
er vorgesehen. Zu Alberta sagt er: "Ich will dich glücklich
machen", aber für Alberta ist es eine Horrorvorstellung, in
einem langweiligen Vorort in einer - wie sie sich ausdrückt - schwarzen
Festung zu leben. Alberta erwartet Leidenschaft, Nadan sucht Sicherheit.
Dass Bettina nur ein Ersatz für Alberta ist, erweist sich bei ihrem
gemeinsamen Treffen mit Alberta und Rudi. Nadan ergreift Partei für
Alberta, die in seinen vier Wänden rauchen darf, weil sie halt eine
Mizzebill ist, während er seine Freundin Bettina gewöhnlich
ins Treppenhaus schickt, und plötzlich erkennen alle, dass sie nicht
mehr zusammen leben wollen. Die Paare trennen sich. Aber Nadan und Alberta
finden trotzdem nicht zusammen.
Durchbrennen wollen die beiden, ausgerechnet während der Osterfeiertage,
wenn es alle tun, nach Paris ausbüchsen (der Fahrtrichtung nach hat
sie sich durchgesetzt) und im Stau der Durchgebrannten steckenbleiben
und dann in einem Vorort der Chemiestadt Ludwigshafen landen, in einem
Hotel, wo die Zimmer nach Desinfektionsmittel und die Gäste nach
Alkohol riechen, das trägt freilich wenig zu romantischen Gefühlen
und sinnlichem Erleben bei. Vier Tage Migräne statt Orgasmus, wer
das aushält, muss toll vor Liebe sein.
Natürlich ist nicht nur dieser gehemmte Spießer mit der Elefantenkravatte
und den gebügelten Pyjamahosen lächerlich, sondern auch Alberta,
weil sie sich immer wieder mit diesem Typ trifft. Sogar nachdem sie ein
Kind von ihm hat abtreiben lassen und er am Telefon erstaunlich gefühlskalt
reagiert, trifft sie sich wieder mit ihm. Man glaubt es kaum. Da muss
es etwas geben, was uns die Icherzählerin verschweigt. Zum Beispiel
gibt sie nicht zu, dass sie Nadan (er betreibt viel Sport) äußerlich
sehr attraktiv findet, denn sonst würde sie sich ihm nicht immer
wieder anbieten. Zumindest die Abtreibung beweist, dass er nicht immer
so impotent ist wie in dem Hotel bei Ludwigshafen. Er wird wohl auch nicht
immer so lächerlich sein, wie sie ihn schildert. Man darf auch annehmen,
dass nicht nur er eine genaue Vorstellung hat, wie sich eine Frau zu verhalten
hat, sondern auch sie ihm deutlich mitteilt, was ihr an ihm missfällt.
(Nicht nur die oft zugespitzte Rede der Icherzählerin verrät
das.) Ihre Sehnsucht nach der großen, leidenschaftlichen Liebe erscheint
mir nur als die halbe Wahrheit, die andere könnte sein, dass sie
mit Nadan einen erbitterten Machtkampf ausficht. Bitten sind zwischen
einem Mann und einer Frau ein Terrain, das man lieber weiträumig
umgehen sollte ...
Natürlich wäre dieser überwiegend heitere Roman nicht möglich
gewesen, wenn der Leser die ganze Wahrheit lesen müsste. Aber man
hätte doch zumindest gerne erfahren, warum Nadan sie Mizzebill nennt.
Bestimmt nicht nur, weil sie raucht! Ein sanftes Lämmchen ist damit
jedenfalls nicht gemeint, und die Icherzählerin braucht gar nicht
so zu tun, als wüsste sie nicht, was Mizzebill bedeutet; sie weiß
es, aber sie verrät es nicht.
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