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Die Erzählung ist aus einem Guss, und an einem Stück sollte
man sie auch lesen, denn dann befindet man sich in der gleichen Geschwindigkeit
wie die Erzählerin. Aus diesem Grund, so nehme ich an, verwendet
die Autorin ein Stilmittel, das auch Thomas Bernhard verwendet hat. Die
Sprache ist ein ständiges Kreisen und Wiederholen von Gedanken und
Erinnerungen. Doch während die Protagonisten bei Thomas Bernhard
Gefangene ihrer selbst sind, die sich immer tiefer verbohren, sind es
bei Vanderbeke Gefangene eines Patriarchen, die ihre Fesseln lösen.
Die Erzählung spielt Anfang der 70er Jahre, als es Mode war, sich
lange Mähnen wachsen zu lassen. Deswegen achtet der konservative
Vater darauf, dass seine Kinder, auch die Tochter, stets einen ausrasierten
Nacken haben. In der damaligen Zeit und vor allem in den 60er Jahren davor
brauchte man eine Vorzeigefamilie, wenn man Karriere machen wollte. Wie
sollte man eine Führungsrolle übernehmen können, wenn man
noch nicht mal die eigene Familie im Griff hatte? Die Jungen mussten einen
Diener und die Mädchen einen Knicks machen, wenn der Chef zu Besuch
kam. Nur vor diesem zeitlichen Hintergrund ist es glaubhaft, dass ein
Vater so viel Macht über seine Familie ausüben kann.
Nach fast zwanzig Ehejahren muss sich seine Frau noch immer umstellen,
wenn er kommt, und die Tochter muss abends, selbst als sie volljährig
ist (einen Freund hat sie wohl noch nicht), Skat mit ihm spielen. Dabei
ist der Vater keine Persönlichkeit, die alle mitreißt, er ist
kein Zupacker und kein Problemlöser, und Geborgenheit bietet er auch
nicht, denn unangenehmen Dingen weicht er aus. Was getan werden muss,
überlässt er seiner Frau. Wenn er seine Kinder schlägt,
muss er sich erst einen antrinken, und wenn etwas ganz und gar nicht so
läuft, wie er sich das vorstellt, flüchtet er auch mal in eine
Kneipe. Wie schafft es ein solcher Schwächling, dass die ganze Familie
nach seiner Pfeife tanzt?
Durch Zuwendung. Zwar ist es keine liebevolle, sondern eine nörgelnde,
aber die Familie ist ihm wichtig, genauer: das Bild, das er von einer
Familie hat. Mit dieser Art Zuwendung treibt er seiner Frau und den Kindern
das Selbstwertgefühl aus. Gegen seine Logik scheint niemand anzukommen.
Seine Vorwürfe der Minderwertigkeit sind ihre Fesseln. - Doch herrschte
auch einmal Liebe zwischen den Eheleuten. Als Kind bekommt man das halt
nicht so mit und erinnert sich dann nur noch an das Kichern beim Muschelputzen.
Warum verliert der Patriarch seine Macht ausgerechnet an diesem Abend?
Liegt es nur daran, dass er zu spät anruft? Die Familie hat doch
während seinen Dienstreisen genug Zeit, sich über ihr Verhältnis
zum ihm klar zu werden. Aber vermutlich haben sie dann besseres zu tun,
als darüber nachzudenken, und genießen lieber die Freiheiten
während seiner Abwesenheit. Es wird wohl daran liegen, dass sie,
während sie auf ihn warten, gezwungen sind, ständig an ihn zu
denken, er könnte ja jeden Moment auftauchen.
Es gibt noch schwerwiegendere Gründe, warum diese Familie am Ende
ist. Die Tochter ist volljährig und wird die erstbeste Gelegenheit
nutzen, der miefigen Kleinbürgerenge zu entfliehen und ein eigenes
Leben zu führen. Der Sohn kommt vermutlich bald in die Pubertät
und wird seinem Vater ausweichen. Die Mutter ist nicht mehr so attraktiv,
was die Erzählerin mit abgearbeiteten Händen andeutet. Der Vater
dagegen wird als recht ansehnlich beschrieben. Wenn er befördert
wird, was wohl so gut wie feststeht, dann hat er sein Ziel erreicht. In
der neuen Position ist seine für ihn minderwertige Familie wahrscheinlich
überhaupt nicht mehr präsentabel, er hat sich ja schon als höherer
Angestellter ihretwegen geschämt. Nach seiner Beförderung kann
das nur noch schlimmer werden. Es ist fraglich, ob er zukünftig noch
so großes Interesse an seiner Familie hat, der verspätete Anruf
könnte es bereits andeuten. Die Vorzeigefamilie hat - in doppelter
Hinsicht - ausgedient.
Sie mögen es an diesem Abend als einen Triumph empfinden, statt den
Telefonhörer abzunehmen, die Muscheln in den Müll zu werfen.
Doch vielleicht hat ihnen der Vater am Telefon einfach nur mitteilen wollen,
dass sie nicht länger auf ihn zu warten brauchen und dass er schon
im Restaurant Muscheln gegessen hat ...
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