Leon de Winter: Nur weg hier!
Das Buch erschien 1978 unter dem Titel DE (VER)WORDING VAN DE JONGERE
DÜRER und wurde - ich spekuliere - größtenteils 1977 geschrieben.
Das war das Jahr des "deutschen Herbstes", in dem alle Hoffnungen auf
einen Fortschritt in Richtung auf eine sozialere und friedlichere Gesellschaft
hin zunichte gemacht wurden.
Ein paar Höhepunkte: verschärfte Antiterror-Gesetzgebung,
Abhörskandal um den Atomwissenschaftler Klaus Traube, Sympathisantenhetze,
Günter Wallraff entlarvt die Praktiken der Bildzeitung, umstrittener
Selbstmord der RAF-Anführer - auf der anderen Seite: Ermordung des
Generalbundesanwaltes Siegfried Buback, Ermordung des Vorstandssprechers
der Dresdner Bank Hans-Jürgen Ponto, Entführung und Ermordung
des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, Entführung
einer Lufthansamaschine mit 86 Geiseln nach Mogadishu und Ermordung des
Flugkapitäns.
Diese Ereignisse wurden in den Niederlanden zwar nicht so aufgeregt
debattiert wie in Deutschland, aber auch dort hatte Fundamentalkritik
am System des Staates keine Aussicht mehr, Änderungen zu bewirken,
zumal die Niederlande als eines der tolerantesten Länder galt. Und
ausgerechnet zu dieser Zeit versucht Dürer vollkommen orientierungslos
einen Neuanfang. Er tritt - ohne theoretisches Rüstzeug und ziemlich
naiv - eine Reise an, um eine bessere Welt zu finden. Doch er findet nur
Worte für die schlechte Welt. Deswegen ist der deutsche Titel: Nur
weg hier! ziemlich blöde. Dürer entwickelt seine Begriffe und
Erkenntnisse erst nach und nach, sie entstammen nicht einer kritischen
Theorie, sondern seiner Sensibilität gegenüber der Eindimensionalität
der Gesellschaft. Mit zunehmender Erkenntnis nimmt auch die Aussichtslosigkeit
seiner Flucht zu, mithin seine Verhaltensstörungen. Er sieht sich
als Opfer des Anpassungszwangs, der von Staat und Gesellschaft ausgeht,
die Phänomene weiß er zu deuten, die Ursachen hierfür
erkennt er nur bruchstückhaft.
Die Terroristen rechtfertigten mit der vom Gesellschaftssystem ausgegehenden
Gewalt ihre eigenen Gewalttaten mit der Folge, dass kein Abbau der gesellschaftlichen
Gewaltstrukturen mehr gewagt wurde, was aufzuzeigen wiederum als ein wesentliches
Ziel der Terroristen galt.
Dürer wird er zum Verbrecher, weil sein Leben sinnlos ist und weil
er glaubt, das auch das Leben anderer sinnlos sei. Warum? Er ist ein Taugenichts,
weil er zu nichts taugt, was die aus seiner Sicht kranke Gesellschaft
ihm an krankmachenden Pflichten abverlangt. Und Dürer ist ein Tunichtgut,
weil er selbst zu verstört ist, um Gutes zu tun. Und wenn er es versucht,
erreicht er nichts, weil er sich nicht in andere hineinversetzen kann,
und dass er sich nicht in andere hineinversetzen kann, liegt sicher auch
daran, dass andere sich zu wenig mit ihm auseinandergesetzt haben. Warum
fehlen ihm am Anfang des Romans die Worte für die alltäglichsten
Dinge? Warum gewinnt dieses eine Buch eine so große Bedeutung für
ihn, hat er denn vorher noch nie ein Buch gelesen, er war doch ein guter
Schüler? Warum muss er sich die Bedeutungen der Worte neu erarbeiten?
Es gibt ein paar Hinweise: das Schweigen und der Stumpfsinn der Eltern
und Geschwister, die Gleichgültigkeit seiner Bekannten - Freunde
hat er ja nicht, der Gefängnisaufenthalt. Und von ihm selbst erlebt:
der Aufenthalt im Gefängnis der Wohnwaben, der Aufenthalt im Gefängnis
des Gesellschaftssystems. Und natürlich sein Buch Aus dem Leben
eines Taugenichts, das ihm zeigt, dass die Welt auch ganz anders sein
könnte, nur wie, das weiß er natürlich nicht, er ahnt
es nicht mal; er erfährt nur, dass die Gesellschaft ihm keine Chance
gibt, anders zu leben als seine Eltern, seine Geschwister, seine Bekannten.
Das Buch ist in die Jahre gekommen, und wer heute eine bessere Welt
sucht, wird das nicht mehr per Anhalter versuchen, sondern gleich ins
Virtuelle flüchten.
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