Leon de Winter: Zionoco
Es ist faszinierend, wie dicht
die Rabbis im Laufe der Jahrhunderte den Teppich der Lebensweisheiten, Ratschläge
und Regeln gewebt haben, für jede erdenkliche Situation scheint es einen
passenden Vers zu geben. Um so erstaunlicher, dass so ein profunder Kenner
dieses Gewebes wie Sol Mayer, keinen Halt darauf findet. Sol Mayer hätte
als Rabbi Karriere machen können. Es fehlt ihm nicht an Wissen, Intelligenz
und sozialem Engagement. Er versagt sich auch nicht dem Versager Tom. Gegenüber
Tom erscheint Sol Mayer wie ein Fels in der Brandung.
Der Vater ist eine unanfechtbare Autorität bis zu jenem Zeitpunkt, als er
in flagranti erwischt wird. Das wäre vielleicht gar nicht so schlimm, wenn
sich der Vater nicht auch noch von seinem Sohn abwenden würde. Der
Sohn, dem Autoritäten und Grundsätze suspekt geworden sind, rutscht ins
Gaunermilieu ab. Sol Mayer will sein Leben auf seine Art meistern, ohne
väterliche Grundsätze, und er scheitert, weil ihm hierfür die Lebenserfahrung
fehlt. Doch während sein Vater wieder von vorne anfängt und schon bald wieder
eine geachtete Person ist, findet sich Sol Mayer nicht zurecht. Erst als
sein Vater verschwindet und Sol ein Wunder erlebt, was sich am Ende allerdings
nur als die Halluzination eines Betrunkenen erweist, findet er einen Weg.
Er wird selbst Rabbi.
Aber es fehlt ihm an Glaube und Grundsätzen, er ist nur ein geschickter
Rollenspieler, kein Vorbild. Bei dem Besuch des totkranken Joel muss er
erkennen, dass er seinen eigenen tröstenden Worten nicht glaubt. Auf welch
brüchigem Fundament seine Existenz steht, erfährt er bei seinem Seitensprung.
Religiöse Fundamentalisten machen ihn zum "Wichser von Manhattan" und die
einflußreiche Millionärin und Gönnerin, seine liberale Schwiegermutter Jenny,
lässt ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Als Präsident der Vereinigten
Staaten kann man so einen Skandal gerade noch überstehen, aber als Rabbi
ist man am Ende. Warum fährt Sol Mayer nicht einfach Taxi? Er glaubt doch
sowieso nicht an das, was er als Rabbi sagen muss. Aber nein, schon verstrickt
er sich in ein neues Projekt, was freilich auch scheitert, weil er mit Geld
nicht umgehen kann. Sol Mayer kann sich wohl ein ganz normales Leben mit
gewöhnlicher Arbeit und ohne seinen gewichtigen Beitrag zur Welterlösung
einfach nicht vorstellen; er nimmt sich zu wichtig.
Ich glaube nicht, dass er als Rabbi der Indianer seinen Frieden findet.
Er setzt er sich in das von seinem Vater gemachte Nest, aber auch hier werden
bloße Worte nicht genügen, um auf Dauer die Anerkennung der Indianer zu
erhalten. Gerade im Urwald ist Disziplin und Selbstbeschränkung gefordert,
wenn man überleben will. Als Alkoholiker hat er dort keine Chance.
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